Archiv der Kategorie 'KUNST ALLGEMEIN'

Zur Ausstellung von Yvonne M. Klug – oder: Was kann Kunst?

Ansprache zur Ausstellung „Aus dem Zusammenhang“, Kunst von Yvonne M. Klug, 1. April 2017, Galerie im Milchlädchen, Klingenberg

Meine sehr verehrten Besucherinnen und Besucher dieser Vernissage!

Yvonne Klug kenne ich, wenn ich meiner Erinnerung und meinen Unterlagen vertrauen darf, seit dem Jahr 1980. Wir waren damals beide aktiv in der IG-Chemie-Jugendgruppe Obernburg. Die Gewerkschaft IG Chemie besteht nicht mehr, ist aufgegangen in der IG BCE, die Enka Glanzstoff AG, in der wir damals lernten bzw. arbeiteten, ist auch längst nicht mehr existent, stattdessen gibt es heute das Industrie Center Obernburg. Aber wir beide, wir sind geblieben, haben vor einigen Jahren den zwischendurch abgerissenen Kontakt wieder aufgenommen. So war mir auch bekannt, dass Yvonne als beachtliche Künstlerin tätig ist. Erstaunt war ich dennoch, als sie mich fragte, ob ich bei einer Ausstellung in Klingenberg die Einführung geben könnte. Erstaunt und erfreut, dass sie an mich gedacht hatte.

So werde ich Ihnen, sehr geehrte Besucherinnen und Besucher dieser Vernissage, nun Einblicke und Einschätzungen zu ihrem Leben und Werk geben dürfen.
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Akzentsetzungen – Kunst und Sakralräume

Wenn eine Veranstaltung im Titel den Begriff Frömmigkeit trägt, dann sind Missverständnisse naheliegend. Selbst dann, wenn die ganze Überschrift „Akzentsetzungen zur Wahrnehmung von Geschichte, Kunst und Frömmigkeit“ lautet. Dies aber war der Titel eines Vortrages von Dr. Jürgen Lenssen im März 2017 in Miltenberg. Die möglichen Missverständnisse konnten dabei sicherlich aufgeklärt werden.

Den Würzburger Domkapitular, Kunsthistoriker, Künstler und weithin bekannten Kirchen-Gestalter verbindet viel mit der Stadt am Untermain. Hier hat er nicht nur – zusammen mit dem damaligen Stadtpfarrer Ulrich Boom – die Kirche St. Jakobus der Ältere renovieren können, hier befindet sich auch der Großteil seiner Kunstsammlung, die die Basis des Museum.Burg.Miltenberg bildet. Auch hier bewies er überaus großes Geschick bei der Erstellung und Umsetzung dieses in seiner Art sicher einmaligen Ausstellungskonzeptes. Dass dann nur rund 30 Interessierte seinem Vortrag lauschten, mag wieder einmal als Beweis gelten, wie wenig die Miltenberger und Miltenbergerinnen begriffen haben, was ihnen da auf der Burg geschenkt wurde.

Im Folgenden werden die Ausführungen, die Dr. Lenssen bei seinem Vortrag in Miltenberg machte, zusammengefasst. Es bleibt dabei nicht aus, dass auch eigene Interpretationen des von Dr. Lenssen Gesagten einfließen können, wenngleich ich mich bemühen werde, die Gedanken des Domkapitulars korrekt wiederzugeben. Dies verlangt schon meine große Anerkennung ihm gegenüber. Mögliche Ergänzungen können gerne als Kommentare angefügt werden.
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Kunst zeigt auf

Kommentar geschrieben für FRANZ – Veranstaltungsinfo für Franziskushaus und Caritas MIL, Nov./Dez. 2014

Bild: Kunst – hier gezeichnete Widmungen von Thomas Lange und Mutsuo Hirano in ihren Bildbänden

In diesem nun ablaufenden Jahr 2014, das gekennzeichnet war von Ebola-Epedemie in verarmten Staaten und IS-Terror in Kurdistan, von offenkundigem Versagen der Datensicherheit (nicht nur durch die NSA) und der Sicherheitsbehörden (Verfassungsschutz lässt Nazi-Terror gewähren) und so weiter – in diesen Zeiten sich mit Kunst zu beschäftigen scheint fast zynisch. Wir sollten es trotzdem tun. Oder gerade deshalb: Um zu zeigen, dass es Anderes gibt, dass der Mensch das Recht auf Ganzheit und Sicherheit, auf Geborgenheit und Zufriedenheit, auf Aufregendes und Schönes hat, also auch und insbesondere auf Kunst. Und genau daher ist es eben nicht zynisch, gerade heute Kunst zu verlangen.

Dass all diese genannten positiven Möglichkeiten – und nicht Terror und Unsicherheit, unnötiges Siechtum und Überwachung – das ausmachen, was als menschlich zu werten ist, das dürfen wir voraussetzen. Der Humanismus und das ihm voraus gehende Christentum haben es uns gelehrt, trotz aller Verwerfungen und Gräuel, mit denen die hohen Ziele immer wieder negiert wurden.

„Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar“ sagte Paul Klee, der von den Nazis zum „Entarteten Künstler“ geadelte Maler. Auf dass sie also sichtbar mache, die Kunst, was hier und heute fehlt oder bis zur Unkenntlichkeit besudelt ist.

Kinder, Kunst und Paradies

geschrieben für FRANZ Nr. 31 – September/Oktober 2014 – Veranstaltungs- und Kultur-Info für Franziskushaus und Caritas (Kreis Miltenberg)

„Als Kind ist jeder ein Künstler. Die Schwierigkeit liegt darin, als Erwachsener einer zu blei­ben.“ Pablo Picasso
„Jeder Mensch ist ein Künstler.“ Josef Beuys

Ob Beuys Recht hat, das sei mal dahin gestellt. Zumindest sollte jeder Mensch Künstler sein dürfen, so er sich dazu ermächtigen möchte. Und ob heute jedes Kind noch Künstler sein darf, wie dies zu Picassos Zeiten angesichts von spanischem Bürgerkrieg, Weltkrieg, Faschismus und verbreiteter Armut wohl auch nicht wirklich war, das sei ebenfalls in Fra­ge gestellt, wenn wir Kulturindustrie, Massenbespaßung mittels TV und Internet, weltweit nor­miertes Konsum- und Friezeitverhalten betrachten. Es wäre aber ein schönes Ziel für alles Tun dieser Welt, dass Zustände herbei­zuführen seien, in denen Kinder immer Künstler sind und jeder Mensch die Kunst für sich entdecken kann, so er dies nur möchte. Mag sein, dass in anderen Zeiten solche erstre­benswerten Zustände als Utopia bezeichnet worden wären, andernorts als Kommunismus – oder als Paradies. In diesem Sinne: Als Kind, als Mann, als Frau sollte jeder Mensch ins Paradies der Kunst kommen dürfen. Jederzeit. Un­gehindert.

Kunst, Kommerz, Kritik und Kapitalismus

Video zur Vernissage In Ruhe. In Erwartung. am 30.11.13

Text der Ansprache zur Vernissage In Ruhe. In Erwartung. am 30.11.13 (um unwesentliche Passagen gekürzt)

Wenn ich heute mit meinen Ausführungen stellenweise die reine und schöne Kunstbetrachtung verlasse, so liegt dies nicht in einer boshaften Absicht; es liegt auch nicht am Zufall; es ist vielmehr unvermeidlich.

Denn der Advent ist heute eine Zeit des Konsums, nicht der Stille und Erwartung. Allerdings ist diese Feststellung nicht sonderlich originell. Sie entspricht der bekannten Kritik am Vorweihnachtstrubel; nur: Diese Kritik, so fast schon klischeehaft sie daher kommt, ist völlig berechtigt. Advent, lat. für Ankunft, meint eine Zeit der Erwartung, gerne auch als „die stille Zeit“ bezeichnet. Gerade heute könnte der Advent – sogar unabhängig von seinem religiösen Inhalt – mit diesem Grundgedanken eine ganz besondere Bedeutung haben.
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Kunst, Markt und Subjekte in der Kunstlandschaft

Rede anlässlich der Ausstellungseröffnung 15.02.13 Franziskushaus Miltenberg

„Die Forderung muss sein, die ganze Welt und alle Tätigkeiten zur Kunst zu machen, lustvoll und nicht-entfremdet, selbstbestimmt und kollektiv – oder die Kunst ganz aufzuheben und in allen anderen Tätigkeiten aufgehen zu lassen, was genau auf das Gleiche rauskommen würde. In einer wirklich freien Gesellschaft würde (zumindest fast) alles zur Kunst und alles zur Philosophie, womit Kunst und Philosophie aufgehoben wären.“ So schrieb ich im Juni 2012 in einem Blogeintrag. Schon damals merkte ich aber an: „Dazu gäbe es noch viel zu sagen, ich halte hier nur diesen Gedanken zur weiteren Verwendung fest.“ Ich möchte die heutige Ansprache nutzen, um genau das zu tun: Etwas mehr zu meinen Gedanken zur Kunst zu sagen. Zuvor aber komme ich auf die zwei Künstlerinnen zu sprechen, die heute hier im Franziskushaus die neue Ausstellung bestreiten. (mehr…)

„Kunst kommt von Können“ …

… ist der dümmste Satz der Kunstgeschichte. Handwerk kommt von Können, Kunst kommt – wenn wir sie denn irgendwo herkommen lassen wollen – von Kreativität, von Kommunikation, von Kontemplation, von Kritik. Sage niemand etwas gegen Handwerk. Es ist auch in der Kunst in unterschiedlicher Form immer nötig, aber es macht die Kunst nicht. Schließlich aber gilt es, das alles zu überwinden (siehe Kunst).

Eine viel- wenn nicht allessagende Anmerkung:
„Kunst kommt von Können; wenn sie von Wollen käme, müsste sie Wunst heißen.“ Wie eine Illustrierung zu diesem Wortwitz wirken die ersten Bilder, mit denen sich jetzt in Berlin die Ausstellung „Entartete Kunst“ am Königsplatz 5 den Besuchern präsentiert. Es ist wirklich Wunst, was sich uns hier entgegenwölbt. Und so sinnlos dieses Wort klingt, genau so sinnlos glotzen uns die Kleckerein an, die mit Malerei nur dem Material nach etwas zu tun haben. (Berliner Morgenpost, 25. Februar 1938)

Genius und Alleinstellung

Genius

Kein Künstler, kein Wissenschaftler, kein Mensch hat den sensationellen Genius, das alleinige Große. Wir leben und arbeiten zwangsläufig im Kollektiv, sind von anderen abhängig, andere von unserem Wirken, schöpfen aus dem vor uns gedachten und gemachten, ob uns das bewußt ist oder nicht. Wir haben lediglich die Freiheit, dies anzuerkennen oder zu leugnen.

Alleinstellung

Das im Markt so wichtige Alleinstellungsmerkmal einer Künstlerin, eines Künstlers ist Hohn (siehe unter „Genius“). Es macht nicht genial, sondern höchstens einsam; der kunstschaffende Mensch wird selbst Ware mit einem verkaufsfördernden Label. Macht ihm einen Scannercode auf die Stirn!

Kunst

Am 6. Juni schrieb ich unter das Foto einer Wandinschrift (THE „EARTH“ WITHOUT „ART“ IS JUST „EH“) nachfolgenden Text auf meinen Facebook-Account:

Richtig, die Welt ohne Kunst wäre derzeit nur „eh“. Aber: Die Forderung muss sein, die ganze Welt und alle Tätigkeiten zur Kunst zu machen, lustvoll und nicht-entfremdet, selbstbestimmt und kollektiv – oder die Kunst ganz aufzuheben und in allen anderen Tätigkeiten aufgehen zu lassen, was genau auf das Gleiche rauskommen würde. In einer wirklich freien Gesellschaft würde (zumindest fast) alles zur Kunst und alles zur Philosophie, womit Kunst und Philosophie aufgehoben wären.

Dazu gäbe es noch viel zu sagen, ich halte hier nur diesen Gedanken zur weiteren Verwendung fest.