Archiv der Kategorie 'GOTT UND DIE WELT'

Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden

„damit wir klug werden“ ist das Motto des evangelischen Kirchentages 2015. Konsequent wird nicht angegeben, wo dieses Zitat in der Bibel stehen soll. Schauen wir mal nach in der Lutherbibel, Fassung 1912, der wohl letztmalig erträglich übersetzten Fassung, die noch nicht der spätkapitalistischen Sprachverhunzung zum Opfer fiel: „Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden.“
Nicht „damit“, sondern „auf dass wir“ klug werden, welch ein sprachlicher Unterschied! Und vor allem: „Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen“ als absolut notwendige Voraussetzung. Es gibt Momente, da bin ich wirklich froh, nicht zur salbadernden Sekte der Evangelischen zu gehören, sondern ganz kernig katholisch zu sein! Schließlich waren wir es, die die Theologie der Befreiung zustande gebracht habe.

„Gerechtigkeit ist ein Name Gottes“

Vor gut 10 Jahren starb die bedeutende und sehr beeindruckende Theologin Dorothee Sölle. Dies ist nun Grund für mich, meinen Nachruf aus dem Jahr 2003 – der damals in der Zeitschrift analyse & kritik (Hamburg) sowie im Gemeindeblatt anstoß (Miltenberg) in leicht unterschiedlichen Fassungen erschien – hier nochmals zu publizieren.


Foto: Initiative Kirche von unten

Dorothee Sölle – zwischen den Stühlen

Ob sie politisch links stehe, wurde Dorothee Sölle in einem Fernsehinterview einmal gefragt. (1) Selbstverständlich sei sie links, und zwar aus gutem Grund: denn die Welt sei doch nicht nur für die 20 % der Wohlhabenden da. Und das war das Typische an der nun im Alter von 73 Jahren plötzlich verstorbenen evangelischen Theologin: Ihr völlig selbstverständliches Engagement für die sozial Benachteiligten hier und weltweit, ihr Einsatz gegen den Krieg und für ökologische Belange war für die „feministische Ökosozialistin“ (Klaus Kreppel; 2) ein völlig unmissverständlicher Auftrag, der aus ihrer Hinwendung zum Christentum erwuchs. In ihrer moralischen Klarheit war sie ein Erlebnis, wenn sie – wie z.B. beim Evangelischen Kirchentag 2001 (3) – auf der Bühne stand, eine zierliche Frau mit einer enormen Ausstrahlung, und aus ihren Texten lass, manchmal mit etwas Pathos, den „Pathos ist mir eine wichtige Kategorie“. (4)
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Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe

Im Dezember 2003 erschien im Wochenblatt/das aktuelle Schaufenster (Landkreis Miltenberg) anlässlich des Jahres der Bibel auch ein Beitrag von mir. Von dieser Anzeigenzeitung wurden damals mehrere Bürgerinnen und Bürger aus dem Kreis Miltenberg zu ihrem Bezug zur Bibel befragt. Ich weiß nicht, ob ich meinen Text heute nochmal genau so schreiben würde. Dennoch erscheinen mir die wenigen Zeilen allemal des erneuten Veröffentlichens wert.

Zentrale Aussage der Bibel ist für mich die Liebe. Der in der Bibel bezeugte Gott ist für mich jenes über alles liebende Wesen, das wir oftmals hilfreich und Trost spendend bei uns erleben dürfen.
Wie kann ich diese Liebe Gottes erwidern? Sicherlich nicht durch Rituale, die niemals der letztendlich unfassbaren Realität Gottes gerecht werden, sondern nur, indem ich Gottes Geschöpfe annehme und achte. In der Bibel wird konsequent diese irdische Zuneigung mit der Liebe zu Gott auf eine Stufe gestellt: Du sollst Gott lieben; ein zweites ist diesem gleich: Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst.
Voraussetzung ist also, dass wir uns selbst annehmen. Nur so, wie wir uns selbst lieben, können wir auch andere lieben. Und letztendlich können wir nur durch diese Selbst- und Nächstenliebe unsere Liebe zu Gott ausdrücken. Wie sonst?
Die frohe Botschaft der Bibel ist also die Botschaft der Liebe. Daraus erwächst die Verpflichtung, tätig zu werden. Denn: „Wir sollten unsere Augen nicht schließen vor der Tatsache, dass Krieg doch schon ist: der wirtschaftliche Krieg der Starken und Stärksten gegen die Schwachen und Schwächsten. Dieser Krieg muß endlich aufhören.“ (Dorothee Sölle) Eine Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe im Sinne der Bibel kann keine andere Aussage treffen.
Und: Nicht in vermeintlichen Wundern und Sensationen liegt die Mystik des Christentums, sondern in dem befreienden Glauben an Gottes Liebe.

Erste Anmerkungen zur organisierten Religion und der Kritik daran

Am 24./25. März habe ich in einer kurzen Diskussion auf Facebook einige Anmerkungen gemacht, die ich – ganz leicht überarbeitet – hier einfach mal festhalte zur weiteren Verwendung – und mit denen ich die neue Rubrik „Beiträge: Gott und die Welt“ eröffne.

1
Die Kritik der Religion, die nichts ist als Surrogat der Kapitalismuskritik und zudem Affinität zur neoliberal-kapitalistischen Ideologieproduktion offenbart, also Zustimmung zu und Einrichtung in der real existierenden Postmoderne darstellt, ist einfach nur beschissen billig. Das mit der Religion und der Kritik daran hat in diesen unseren schlechten Zeiten immer den Geruch des billigen Protestes.

2
Kirchen sollen sich nicht einmischen, heißt es. Wenn aber bei Fragen des Umweltschutzes, bei sozialen Themen, bei Krieg und Frieden etc. die Kirchen sich NICHT einmischen, dann heißt es gleich: „Wo bleiben die Kirchen? Haben die nix zu sagen, weil sie den Herrschenden in den Arsch kriechen?“ Wenn sie dann aber was sagen, was nicht Mehrheitsfähig ist (Schwulenehe, Abtreibung …), dann soll sich die Kirche nicht in die Politk einmischen. Ganz klar: Ich bin auch für Gleichstellung Homosexueller, für das Selbstbestimmungsrecht von Frauen über ihre Schwangerschaft usw. – aber ich gestehe jeder und jedem zu, etwas dazu zu sagen, auch den Kirchen, auch wenn es meiner Meinung nach falsch ist.