Trilogie über jene deutsche Stadt

aus gegebenem Anlass

1

Sehend die Bilder, hörend die Worte,
erfahre ich, was da passierte ist
im August in jener deutschen Stadt:
Ein Mensch starb in einer Auseinandersetzung.
Beteiligt waren Männer mit unterschiedlichen Pässen.
Daraufhin wurde Trauer gezeigt, kaum glaubhaft,
zeigte sich doch der politische Grund
jener vermeintlichen Trauer, zeigte sich Hass,
zeigte sich auch der „deutsche Gruß“,
zeigte sich Jagd auf Andersfarbige, Andersdenkende.

2

Wenn eine knallrechte Wählergruppe drei Stadträte stellt in jener deutschen Stadt,
dann wurden die durch die Migranten gewählt, die kein Wahlrecht haben,
denn „wir sind keine Ausländerfeinde“, sagen die Einwohnenden
(die daher sowas nie wählen würden).

Wenn die Mörder des NS-Untergrunds dort Unterschlupf fanden,
dann sind diese durch die Antifaschisten beherbergt worden,
denn „wir sind keine Nazis“, sagen die Einwohnenden
(die daher sowas nie unterstützen würden).

Wenn bei der Bundestagswahl die braunen Populisten fast ein Viertel der Stimmen bekamen,
dann hatte wohl die „Lügenpresse“ für diese unwiderstehliche Werbung gemacht,
denn „wir sind keine Demokratiefeinde“, sagen die Einwohnenden
(die daher auch sowas nie wählen würden).

Wenn in einer Demonstration mehrfach und ganz offen der Hitlergruß gezeigt wurde,
dann mussten sämtliche 3.000 Umstehende blind oder stark sehbehindert gewesen sein,
denn „wir sind alle gesetzestreu“, sagen die Einwohnenden
(die selbstverständlich solche Straftaten immer zur Anzeige bringen).

Wenn dunkelhäutige Menschen gezielt gejagt wurden – und das nicht nur während besagter Demonstration,
dann hielten das alle doch nur für ein harmloses Fang-mich-Spiel,
denn „wir sind brave Bürger“, sagen die Einwohnenden
(die selbstverständlich niemals einem unschuldigen Menschen etwas antun würden).

Wenn in jener deutschen Stadt all das und viel mehr passiert,
dann ist das nur eine böse Verleumdung der Antifa und der Medien,
denn in jener deutschen Stadt wohnen sehr nette Menschen
(und diese netten Menschen finden sich leider in jeder deutschen Stadt).

3

Diese netten Menschen trauern, wenn ein Deutscher von einem Migranten getötet wird
und gehen zu Tausenden auf die Straße, betroffen und traurig.
Ja, sie tun es.

Diese netten Menschen trauern, wenn eine Frau von einem Deutschen vergewaltigt und getötet wird
und gehen zu Tausenden auf die Straße, betroffen und traurig.
Nein, sie tun es nicht.

Diese netten Menschen trauern, wenn ein Kind in einer deutschen Wohnung verhungert
und gehen zu Tausenden auf die Straße, betroffen und traurig.
Nein, sie tun es nicht.

Diese netten Menschen trauern, wenn ein Migrant im Mittelmehr ertrinkt
und gehen zu Tausenden auf die Straße, betroffen und traurig.
Nein, sie tun es nicht.

Diese netten Menschen trauern, wenn ein Wohnungsloser von einem Nazi erschlagen wird
und gehen zu Tausenden auf die Straße, betroffen und traurig.
Nein, sie tun es nicht.

Diese netten Menschen trauern, wenn ein Migrant in den Tod abgeschoben wird
und gehen zu Tausenden auf die Straße, betroffen und traurig.
Nein, sie tun es nicht.

Diese netten Menschen in jener deutschen Stadt trauern nicht; so wenig wie die netten Menschen in allen anderen deutschen Städten.
Und sind nicht nett.
Ja, so sind sie.


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