Kunst Fenster

KUNST FENSTER nennt sich eine Aktion in Miltenberg, bei der leerstehende Schaufenster (und die gibt es hier reichlich – wie in wohl jeder Kleinstadt) mit Kunst aufgewertet werden sollen. Denn „leere Schaufenster, zugeklebte Scheiben passen nicht in das sympathische Bild einer lebendigen Stadt“, wie die Initiatorinnen in einem begleitenden Faltblatt festhalten. Derzeit ist es nur ein Fenster, belegt mit hochkarätigen Arbeiten von Michael Morgner, sinnvoll ergänzt um ausdrucksstarke Skulpturen von Gabriele von Lutzau.

„Geschlossene Geschäfte beuteten in Miltenberg nicht Stillstand, sondern Veränderung“ schreiben die Initiatorinnen weiter. Wenn ich dies lesen, geht es mir wie dem Dichter: „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.“ (Zitat aus: Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil, 1808; Szene: Nacht, Faust mit sich allein) Denn nach allem was wir erfahren – z.B. im nahe gelegenen Amorbach – ist der Prozess des Sterbens der Innenstädte nicht umkehrbar. Und wo sollte sich Miltenberg auch hin entwickeln? Ein realistischer Plan ist weder erkennbar noch für die Masse der Kleinstädte überhaupt machbar. Das kontrafaktische Hoffen auf die große Ausnahme wird vermutlich leider nichts nützen. Früher die Versandhäuser, dann die Großmärkte an den Stadträndern, jetzt zusätzlich der Internethandel – es geht bergab mit der Kleinstadt. Das real existierende Wirtschaftssystem hat seine Zwänge, die man auch in Miltenberg nicht abstellen kann.

Wohlgemerkt: Das spricht nicht gegen gute Kunst in Schaufenstern. Wenn die Leiche schon herumliegt, dann soll sie wenigstens nicht stinken. Oder hier: Wenn die Läden schon gähnend leer sind, dann sollen wenigsten die Schaufenster Gutes zeigen. Insofern ist Miltenberg den Initiatorinnen zu großem Dank verpflichtet. Und: Die engagierten Kunstliebehaberinnen können nun wirklich nichts für den Leerstand! Sie wollen ihn ja gerade weniger dramatisch wirken lassen. Daher: Besucht das Kunstfenster. Ihr findet es etwa gegenüber dem Alten Rathaus in Miltenbergs Fußgängerzone.

Nachsatz: Bereits vor zehn Jahren wurde das Schaufenster des damaligen info&service-Büros der Caritas in Miltenberg mehrfach für Fenster-Ausstellungen genutzt. Und das, obwohl der Laden nicht leer stand. Es gibt also auch diese Möglichkeit: Ein noch lebendes Ladenlokal mit Kunst aufwerten. – Ach, es gäbe so viele Möglichkeiten …


5 Antworten auf „Kunst Fenster“


  1. 1 Anonymous 31. Juli 2018 um 20:46 Uhr

    In meinem Artikel über sterbende Dörfer, 2006 im Boten v. Untermain, hatte ich auf diese Dramen bereits hingewiesen. ‚Zig veröffentlichungen haben das Thema, wie auch hier, immer wieder aufgegriffen und mehr oder weniger lautstark Änderungen gefordert. Alleine, wie im Beitrag zart angedeutet, werden weder Kunst, noch andere Lückenfüller die Tatsachen ändern. Sollte man sich doch Fragen, ob der Kunde im 21. Jahrhundert überhaupt noch einen Laden aus dem 18.
    Jahrhundert braucht? Oder besser: eine ganze Strasse voller Läden?: wenn man online kaufen kann! Das ist auch mit der Kunst nicht anders, die mittlerweile leere Läden füllen will – warum wohl? Sicher nicht um ersatzweise die Arbeit derjenigen zu übernehmen, die politisch das sagen haben oder um sich als Rettung anzubieten. Bei der nächsten Wahl werden sicher nicht Künstler sondern Politiker gewählt!
    Statt dessen sollten alle, auch Künstler die Politiker auffordern ihre Arbeit zu machen.
    Deshalb fordere ich zur verlangsamung des allgemeinern Niedergangs, auch in diesem zusammenhang, den weithin auch bei uns fehlenden Dialog zwischen den politisch Verantwortlichen, den Vermietern, den potentiellen Händlern, den Erfahrungen die anderenorts gemacht wurden usw.
    Wenn keine Bemühungen von politischer Seite unternommen werden, neue Weichen in unser anderes Jahrhundert zu stellen, bleiben Läden eben weiterhin leer.
    Irgendwann laufen sowiso Menschen mit Handys und Kopfhörern durch leere alte Städte, die nichts mehr davon begreifen was sie sehen … obwohl online alles verfügbar ist!

  2. 2 Mapec 01. August 2018 um 7:55 Uhr

    Herzlichen Dank für den ausführlichen Kommentar. Nur denke ich, dass eine Sache, die an strukturellen Vorgaben liegt, nicht durch die Realpolitik geändert werden kann. Konkret: Die beste politische Maßnahme wird das Sterben der Innenstädte nicht aufhalten, nur verzögern, wenn wir uns eine lebendige Innenstadt vorstellen wie sie 1970 noch war.
    Das real existierende Wirtschaften – Medien wie Zeit und FAZ nennen das inzwischen wieder treffend Kapitalismus – bringt eben jene Tendenzen hervor, die schon vor langer Zeit einer beschrieben hat, der in diesem Jahr 200 geworden wäre.
    Ich bin so „zart“ in meiner Kritik (Deine Formulierung), weil ich hoffe, dass in der Kunstgestaltung von Schaufenstern schon etwas Utopisches liegt, etwas, das auf die nicht-merkantile Nutzung der Innenstädte hinweist. Ausgereift sind meine Gedanken noch nicht. Aber die Innenstädte als Begegnungsorte von Menschen statt von Waren – das klingt doch erstmal ganz gut.
    Aber ich gestehe auch, dass dies nur erste Ideen sind. Und dass wir auch in dieser Sache vermutlich mehr Übereinstimmung erzielen werden als Dissens. (Ja, ich kenne den Anonymous.)

  3. 3 Anonymous 01. August 2018 um 19:18 Uhr

    Ja, allerdings ist mir das tatsächlich erst nach Absenden eingefallen, dass ich meine Identität nicht angegeben habe.
    Gut, dann lasse ich das zunächst auch so.
    Leider bist Du auf die Hauptsachen garnicht eingegangen: Die Gleichgültigkeit der örtlichen Politiker … und die notwendig GEMEINSAME Suche nach Lösungen.. sowie die Stadt MIL im 21. Jhd. Wenn’s geht mal Deine persönliche Meinung, nicht die z.B. von Marx …
    Na. 1.8.2018, 20:17
    Ano Nümus

  4. 4 Mapec 02. August 2018 um 8:11 Uhr

    Und ich hatte gedacht, ich hätte meine Meinung schon gesagt … Ich zitiere ja Marx deshalb, weil ich ihm da beipflichten muss.
    Also dann mal etwas konkreter: Die Politiker haben m.E. weniger Möglichkeiten, als sie meinen – und als wir uns wünschen. Sie können ja nichtmal jahrelang leer stehende und verfallende Gebäude enteignen, um sie sinnvoller öffentlicher Nutzung zuzuführen.

    Derzeit vermute ich, dass einige der Städte unter 100.000 Einwohnenden – z.B. Aschaffenburg – als Einkaufsstädte übrig bleiben, wenn sie das geschickt anstellen (und sich – um im Beispiel zu bleiben – gegen Hanau durchsetzen). Andere werden sich etwas originell ausdenken und daher mit einer lebendigen Innenstadt weitermachen können (Klingenberg versucht ja gerade, sich als Kunststadt zu etablieren – mit zu geringem Erfolg, wie ich meine; Miltenberg hätte da bessere Chancen – aber die Politik [und hier kommt sie wirklich mal ins Spiel] ist hier offenbar unfähig, das zu sehen; sonst hätte man niemals den Verein Kunstraum gehen lassen dürfen). Aber hier sind die Möglichkeiten beschränkt, denn etwas Originelles zu entwickeln wird nur für wenige Orte möglich sein. Wir brauchen keine 1.000 Kunststädte oder 2.000 Kunsthandwerk-Gemeinden in Deutschland.

    Bei anderen Städten und Gemeinden ist der Zug abgefahren. Hier ist (z.B. in Amorbach) noch etwas Tourismus möglich, aber eine lebendige Innenstadt wird sich hier nicht mehr herstellen lassen (ich wüsste nicht wie). Oder es ist alles tot und wird tot bleiben (Kleinheubach etc.). Die Chance besteht dann nur, das anzuerkennen und aus den ehemaligen Läden Wohnungen zu machen.

    Vielleicht wäre auch – ich habe das ja angedeutet – die nicht-merkantile Nutzung der nicht mehr benötigten Geschäfte möglich, etwa durch Nonprofit-Läden, Begegnungszentren, unkommerzielle Kreativläden etc. Aber all das hätte dann wohl nur lokale Bedeutung – für die Bevölkerung vor Ort. Schlecht wäre es aber nicht.

  5. 5 Mapec 14. August 2018 um 9:12 Uhr

    Ein Satz ging mir in den letzten Tagen nochmal durch den Kopf: „Deshalb fordere ich zur verlangsamung des allgemeinern Niedergangs, auch in diesem zusammenhang, den weithin auch bei uns fehlenden Dialog zwischen den politisch Verantwortlichen, den Vermietern, den potentiellen Händlern, den Erfahrungen die anderenorts gemacht wurden usw.“ Das ist dann die Aufforderung, das zu tun, was möglich ist. Was ist möglich? Welche Spielräume gibt es? Sind sie so eng, wie ich vermute? Und: Wer macht das Mögliche? Oder auch: Wer muss beteiligt werden?
    Das sind dann Fragen, die wohl nicht diskutiert werden. Auch nicht in Miltenberg. Oder?

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