Fußball und Hybris

„Wir repräsentieren unser ganzes Land. Da stehen 82 Millionen dahinter. Wenn man das in der Presse verfolgt, ist es heftig, was da abgeht und wie das alles angeheizt wird. Wenn wir dieses große Ziel erreichen wollen, sollten wir alle an einem Strang ziehen“, sagte Joshua Kimmich, Mitglied der deutschen Nationalmannschaft der Fußballer, laut einem Info-Portal angesichts von Kritik an seinem Team. Auch andere Fußballer haben sich ähnlich geäußert. Solche Hybris ist bei Menschen, die keinen wirklichen gesellschaftlichen Wert einbringen, dafür aber auf dem ideologischen Feld gut tanzen können, offenbar unvermeidlich. Sie meinen, dass sie wirklich so unendlich wichtig sind, dass Kritik an ihnen einer Majestätsbeleidigung gleicht.

Fakt ist: National(!)spieler produzieren das, was früher einmal als Volksgemeinschaft bezeichnet worden wäre. Sie versuchen, künstlich zusammenzuschließen, was nicht zusammen gehört, was in jeder Gesellschaft in hunderte von Interessengruppen und Szenen zerfällt. Sie versuchen, Eintönigkeit in der Vielfalt herzustellen. Und dazu verlangen sie, dass „alle (!) an einem Strang ziehen“ (Kimmich).

Diese ideologische Arbeit aber wird belohnt, mit sehr viel Geld (x-fach mehr als bei einer Krankenschwester oder einem Feuerwehrmann, einer Fabrikarbeiterin oder einem Sozialarbeiter, welche wirklich etwas in die Gesellschaft einbringen), mit viel Ruhm (mehr als bei jedem Arzt oder jeder Wissenschaftlerin) – und offenbar mit einem wahnsinnig großen Bewusstsein der eigenen Genialität, die schon als Selbstüberschätzung mit Realitätsverlust (= Hybris) angesehen werden muss.

82 Millionen stünden hinter ihm, meint der Spieler, dem wir nur seine Jugend zugute halten können. Das ist Unfug. So viele interessieren sich nichtmal für Fußball. Und die, die sich dafür interessieren, haben oft ganz andere Lieblingsmannschaften (man denke an die Autokorsos in deutschen Städten, wenn Portugal, Spanien oder andere gewinnen – und man denke an Leute wie mich, die Costa Ricas oder Islands Team sehr gut finden!). Und das „große Ziel“, die Weltmeisterschaft, ist so unwichtig, dass jede Überschwemmung in der Uckermark mehr reale Bedeutung hat.

Ob das mit dem Herstellen der Volksgemeinschaft gelingen kann, das sei mal dahingestellt. 1954 ging das wohl noch. Und mag seinen Beitrag dazu gleistet haben, dass „wir“ wieder wer waren – und uns erstmal nicht mit der Vergangenheit beschäftigten mussten, die gerade so dumm gelaufen war – Krieg verloren und so – wollte man ja nix von wissen – kam der Sieg (!) von Bern gerade zur rechten (!) Zeit. Aber heute? Nehmen wir Herrn Kimmich nicht so ernst. Er ist nur Fußballer.


5 Antworten auf „Fußball und Hybris“


  1. 1 Hans 26. Juni 2018 um 15:27 Uhr

    Ich habe diese Jahr noch kein Spiel der FIFA-WM gesehen. Es sind also nur 82 Millionen Menschen minus mir, die sich interessieren könnten.

    Haha, ich bin übrigens seeehr, seeehr regierungs- und medientreu, daher boykottiere ich natürlich alles, was mit Russland zu tun hat. So habe ich das die letzten Jahre gelernt bekommen und so handle ich auch.

    Warum soll ich jetzt damit aufhören? Weil ein paar Boykottverweigerer wie Herr Kimmich mit einem Ball in Russland kicken will? Diese „Mannschaft“ fällt einfach der deutschen politischen Linie in den Rücken und erwartet dafür Applaus? Nö, ich gucke nicht.

    Bis gerne
    - Hans -

  2. 2 Mapec 27. Juni 2018 um 15:32 Uhr

    Ja, das ist so eine Sache: Die offizielle Ablehnung des Behelfsdiktators Putin (wo man mit echten Diktaturen wie Saudi-Arabien keine Probleme hat) steht in diesem Fall der Bildung von Volksgemeinschaft entgegen. Grundsätzlich zählt dann die Losung: Innen- vor Außenpolitik, also Volksgemeinschaft vor Putin-Bashing.
    Wobei: Gerade Du wirst mir doch den Putin nicht verteidigen wollen?

  3. 3 Ein Fußballfreund 28. Juni 2018 um 10:11 Uhr

    Nur der Vollständigkeit halber: Die Nationalmannschaft, der auch Herr Kimmich angehört, ist gestern als Gruppenletzter in der Vorrunde ausgeschieden. Sowas gab es für eine reichs- oder bundesdeutsche Mannschaft noch nie. Mannschaftskapitän Neuer dazu: „Erbärmlich.“ Aber Herr Neuer, es ist doch nix passiert! Nichteinmal eine Lohnkürzung haben sie zu befürchten. Also: Ball flach halten, schnell in Urlaub gehen(ich nach Thüringen, sie auf die Malediven oder Seychellen). Und wir können ab nun, wo es nicht mehr um nationale Ehre etc. geht, endlich mal wieder Fußball sehen!

  4. 4 Hans 28. Juni 2018 um 15:41 Uhr

    @Mapec
    Ich verteidige selbstverständlich weder Putin noch eine Pseudo-Volksgemeinschaft. Es war mit nur relativ schnell klar – vor der WM schon – dass Deutsche bereits in der Vergangenheit vor Moskau gescheitert sind. Mal sehen, was aus den Franzosen wird.

  5. 5 Mapec 29. Juni 2018 um 7:47 Uhr

    Die deutsche Volksgemeinschaft scheitert mal wieder vor Moskau – na, das ist jetzt wirklich eine gute Feststellung!

    Das mit den Franzosen liegt noch länger zurück. Aber klar: Mal sehen, wie weit sie jetzt in Russland kommen!

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