Zu einigen Fragen der Kunst – ein Briefwechsel

Im Mai/Juni 2018 kam es zu einem kurzen Briefwechsel zwischen Fred K und Mapec zu Fragen der Kunst. Die vier Briefe seien hier dokumentiert. Die Debatte wurde letztlich ohne Konsens abgebrochen. Diese Dokumentation möge die verschiedenen Gedanken daraus für Interessenten zur Verfügung stellen.

BRIEF VON MAPEC AN FRED K

Lieber Fred K,

in zahlreichen Gesprächen haben wir uns unterhalten über Fragen der Kunst. Es wird Zeit, einige Ergebnisse meinerseits einmal brieflich festzuhalten. Zwar sind einzelne Aussagen bereits von mir in diversen Vernissage-Ansprachen getätigt worden, die auch schriftlich vorliegen, im Zusammenhang und auf aktuellem Stand scheint mir aber dennoch eine erneute Fixierung dieser Gedanken sinnvoll.

Die Ausgangsfrage ist immer jene nach der Definition von Kunst. Hier aber macht sich bei mir seit einiger Zeit eine große Bescheidenheit breit. Positiv kann ich das nicht mehr bestimmen. Also versuche ich es auf diese Weise: So wie niemand einen Haufen (also eine bestimmte wenig bis gar nicht geordnete Ansammlung von irgendwas) definieren kann, jedoch jeder Mensch einen Haufen erkennt, so könnte auch Kunst nicht bestimmbar sein, jedoch von uns allen erkannt werden, sobald wir Kunst sehen (oder hören, wenn sie aus Klängen besteht).
Ganz reicht mir diese schwache Definition nicht. Ich versuche es daher leicht konkreter: Kunst ist das, was weder Produktion noch Distribution, weder Dienstleistung noch Bildung, Wissenschaft oder Sport ist UND was in der Absicht, Kunst zu machen, geschaffen wurde UND von einer erkennbaren Zahl an Menschen auch als Kunst betrachtet wird.
Es ist also die Bestimmung ex negativo sowie die erkennbare Absicht, welche gemeinsam (!) definieren, was Kunst ist. Sie grenzt sich ab von Kunsthandwerk, bei dem das Handwerk – also der Gegenstand als Gebrauchsmittel – im Vordergrund steht. Sie grenzt sich ebenso ab von Design, das als Verkaufshilfe oder zur Funktionalität eines Gebrauchsmittels dient. Auch bei Werbung steht nicht der künstlerische Aspekt, sondern die Zweckgerichtetheit auf den Verkauf im Vordergrund.

Ich denke, dass wir diese Definition auf alle Formen der Kunst anwenden können, auf die bildende Kunst insbesonders, aber auch auf Musik, Theater und Film, Literatur, Tanz und so weiter. Ein Werbespot wäre demnach keine Kunst, ein Film schon, sogar dann, wenn er bewusst darauf angelegt ist, die Kinocharts zu stürmen. Denn ein Werbespot verkauf ein Produkt, ein Film sich selbst. Hier ziehe ich den Trennstrich, nicht in der Frage nach dem Verkauf selbst. Marktgängigkeit ist eben auch für Kunstwerke eine Bedingung des Seins im real existierenden Kapitalismus.
Das darf jederzeit bedauert werden, kann sich aber nur in bestimmten Fällen verändern, eben da, wo Kunstschaffende nicht auf Gelderwerb aus der Kunst angewiesen sind. Bei Malerei oder Musik, bei Literatur oder Tanz gibt es das häufig. Bei einer Filmproduktion ist es allerdings kaum denkbar.
Möglich wäre eine durchweg nicht vom Markt gegängelte Kunst auch nach der Transformation der jetzigen Gesellschaft in eine andere. Nur ist dies ein zu gewagter Gedanke, dessen Ausführung der Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler e.V. oder die GEMA sicherlich nicht im Programm haben.

Haben wir erkannt, was Kunst ist, so sagt das noch lange nichts darüber aus, welche Qualität diese Kunst hat, der wir im konkreten Moment gerade begegnen. Gibt es gute Kunst bzw. kann mit dem Prädikat „gut“ Kunst erfasst werden? Ich würde sagen: Nein. Eine solche Wertung erscheint mir doch zu pauschal, zu undifferenziert, zu grob. Es gibt engagierte Kunst, schön anzusehende, inspirierende oder langweilige Kunst und so weiter. Die Mühe einer konkreten Bestimmung müssen wir uns schon machen, wenn wir der Kunst gerecht werden wollen.

Auch ist für mich der Begriff der „Hobbykünstlerin“ in diesem Zusammenhang unsäglich. Es mag sich aus dem Bereich der Kunst gerne herauskatapultieren, wer sich selbst dieses abwertende Stigma zuschreibt; ich selbst würde aber niemals jemanden als „Hobbykünstlerin“ bezeichnen, nicht einmal jene, die sich selbst so nennen. Sollten sie nicht „Malen nach Zahlen“ betreiben, so sind auch sie als Künstlerinnen wahrzunehmen.

Lieber Fred K, Du hast mehrfach den Zusammenhang von Politik und Kunst zum Thema gemacht. Ich sehe hier einen großen Unterschied zwischen einzelnen Sparten der Kunst. Sprachgestützte Formen können sehr direkt auf politische Ereignisse reagieren, bildende Kunst kann dies nur auf Umwegen, wenn sie ihren Anspruch, Kunst zu sein und nicht Bildung oder Werbung, aufrechterhalten will. Die Frage, welche Anteile des Agitprop noch als Kunst zu bezeichnen wären, darf hier offen bleiben. Ich beharre allerdings darauf, dass Kunst mit politischer Aussage zu allererst Kunst zu sein hat.
Auch erlebe ich selbst, dass gerade die bildende Kunst sehr tief an die menschliche Gefühlslage, an die Deformierungen, Verwundungen und Beleidigungen der Menschen in der real existierenden Gesellschaft herankommen kann. Dies ist absolut nicht unpolitisch, ist allerdings weit weg von der direkten politischen, gar tagespolitischen Aussage. Dies ist gut so. Denn genau deshalb entstand meine Beschäftigung mit der bildenden Kunst und meine Begeisterung für sie. Die konkreteren Aussagen erledigen sprach- und schriftgestützte Kunstformen besser.

Wie würde ein rechte, gar eine rechtsextreme Kunst aussehen? Diese Frage hast Du in den Raum gestellt und vermutet, die auch parlamentarisch aufkommende Rechte könnte aus einer eigenen Kunst große Erfolge ziehen. Ich möchte dem gegenüber festhalten, dass es diese Kunst bereits gibt. Es ist jene Darstellung des „guten Alten“ in Inhalt und Form, d.h. sich brav reimende Gedichte über den Frühling, gegenständliche Gemälde des Familienlebens, die Zeichnung vom Rasenstück, der Bronzebrunnen mit den gut erkennbaren Knaben, Marschmusik und volkstümelnder Schlager, heimatverbundene Rockmusik mit dem großen Wirgefühl sowie viele andere Formen und Inhalte bis hin zum antisemitischen Rap. Es ist das irgendwie Alte, das diese rechte Kunst auszeichnet.
Dazu gehört auch das Festhalten an der Forderung, Kunst käme zuallererst von Können. Die Bezugnahme auf Aussagen und Kunstauffassungen aus dem „3. Reich“ ist erkennbar.
Zwar ließen sich kitschige Gemälde, rührende Schlager oder deutsche Marschmusik ununterbrochen gut verkaufen – sie waren nie weg; ich bin aber der Meinung, dass wir gerade eine teils massive Verstärkung von künstlerischen Tendenzen erleben, die das Alte glorifizieren. So ist ein antisemitischer Rap zwar von der Form her relativ neu, vom Inhalt her aber uralt. In der populären Musik erlebe ich das schon seit vielen Jahren, in der bildenden Kunst bereits in Anfängen.
Mit dem Erstarken von Pegida, AfD, Identitärer Bewegung etc. werden sich auch vermehrt seriöse Galerien, Konzertveranstalter etc. finden, die dem bräunlichen Kitsch aufgrund seiner immer besseren Verkaufbarkeit den Mantel der Seriosität umhängen wollen.
Es bleibt als Notwendigkeit, die Frage zu stellen, wie progressive, alternative, linke Künstlerinnen darauf reagieren können.

Lieber Fred K, dies also vorerst als Zusammenfassung meiner Überlegungen zum Thema Kunst.

In großer Verbundenheit

Mapec

BRIEF VON FRED K AN MAPEC

Lieber Mapec,
vielen Dank für Deine Zeilen und Feststellungen, mit denen Du einige von Dir geäußerte Meinungen zu Punkten aus unseren Gesprächen, die auch Olaf wesentlich bereicherte, deutlich machst. Über Grundzüge und Aspekte, die aus Deinem Brief zu entnehmen sind, erlaube ich mir in folgender Weise Bezug zu nehmen:
a) Zur Frage „… was ist Kunst …“
b) Anmerkungen zu „rechter“ politische Kunst
a) Zur Frage „ …was ist Kunst“
Neben unzähligen, immer wieder neu kursierenden Aussagen auf die Frage, was „Kunst“ eigentlich sei, ist mir bislang keine Einzige bekannt, die für mich auch nur annähernd tragfähig erschien.
Während viele philosophische Abhandlungen über Ästhetik und Kunst ganze Bücher füllen, müssen, wie ich hier aufzuzeigen versuche, jene angestrebten kurzen Aussagen auf die Frage, was Kunst ist, naturgemäß behelfsmäßig- und Stückwerk bleiben, wobei jeder einzelne Philosoph oder Dichter eine eigene differenzierte Theorie über Ästhetik, Kunst und Künste usw. entwickelt hat.
Zunächst also gehen Fragen nach dem Wesen eines Dings allgemein, von der einfachen Annahme aus, dass es zu diesem Ding, das noch nicht bekannt ist, Grundlegendes oder Beispielhaftes gibt, aufgrund dessen hinreichende Erklärungen auf verständlicher Basis möglich sind.
Dabei möchte ich zwischen materiellen und geistigen Dingen die gefragt werden unterscheiden. Bei Klärungen Z.B. für den Begriff „Haus“ oder „Berg“ verhält es sich nicht anders als bei dem von Dir erwähnten „Haufen“ usw., als in der Wirklichkeit vorkommende Dinge. Anders bei Fragen an nichtmaterielle Dinge, wie z.B. zu „Gedanke“, „Freiheit“, „Wissenschaft“ oder „Kunst“, Tugend, usw..
1 Ein Merkmal materieller Dingen besteht darin, dass zu ihrer Erklärung, allgemein bekannte und leicht aufzeigbare „Formstrukturen“, genannt werden können. Darunter verstehe ich bei Haus z.B.: Dach, Wand, Türe, Fenster, Boden usw., bei Haufen z.B.: Ansammlung von Gleichem … oder ungeichem … Damit meine ich, dass auffindbaren Begriffe zu einer Definition ihrerseits bereits allgemeine Erfahrungsbedeutungen besitzen, mit denen ohne Umwege operiert werden kann. Ein weiteres Merkmal ist, dass, je mehr zusätzliche Begriffe einfließen, die „Gestalt“ des gesuchten „Gegenstands um so deutlicher wird.
2 Demgegenüber stellt die Frage z.B. nach: „Freiheit, Tugend … etc.“, als geistige „Dinge“ vollkommen andere Probleme an eine Begriffsklärung. Sie sind nur mit aus persönlichem und damit subjektivem inneren Erleben und Erfahrungen stammenden Zuordnungen nenn-, und darstellbar. Aus diesem Grund fehlt ihnen die offene und frei vorliegende Wesensqualität allen Materials und der damit verbundenen eindeutigeren Bestimmung. Gesuchte Begriffe können sich damit nicht mehr auf spontan aufzeigbare Bilder oder eindeutig strukturierte Formen stützen, wie das bei materiellen Dingen möglich ist.
Das zu überwindend Hindernis für eine umfassende Verständigung im Geistigen stellt damit die Subjektivität menschlicher Sichtweisen dar, die uns dazu zwingt, mit eben jenen, jeweils vorliegenden individuell nennbaren Bildern uns einer gesuchten begrifflichen Übereinkunft anzunähern, indem beispielsweise Analogien, Ausschlüsse von Gesichtspunkten, Verwerfungen, Einfügungen, … etc. als beiderseitige Hilfsmittel verwendet werden müssen. Diese Tatsache zwingt uns bei Verständigung bei Fragen auf geistigen Ebenen, oder „dem verstehen wollen“ überhaupt, zu immer wieder neuen Interaktionen, um mit immer wieder anderen Individuen und deren „Vorstellungen“, aus deren jeweils vollkommen abgeschottet zu nennenden Fühl-, und Denkerfahrungen heraus in Dialog treten zu können. So müssen bei Klärungsversuchen z.B. für die Frage „was ist Freiheit“, auch Begriffe wie Angst …, Ziel …, Veränderung … und (unendlich) viele andere…. bemüht werden, die allerdings subjektiv- und bei jedem Menschen immer in anderen Kontexten vorliegen. Jedoch handelt es sich dabei bereits wieder um geistige Begriffe, die wie die Frage selbst (z.B.nach „Freiheit“), eigentlich schon einer vorausgehenden, gemeinsamen Übereinkunft bedürften um sich einer klareren Definition von Freiheit wirklich annähern zu können. Im deutlichen Unterschied zu materiellen Begriffsklärungen, steht im geistigen der Grad der Genauigkeit (d.h. der „Übereinstimmung“ im Dialog), aller für die Klärung eines Dings verwendeten Begriffe, für Qualität des Ergebnisses, nicht die Anzahl der Attribute – z.B. bei „Haus“ die Menge der nennbaren, bekannten Einzelheiten oder Eigenschaften. In beiden Fällen handelt es sich jedoch grundsätzlich nur um Annäherungen an eine gesuchte Definition.
Interessanterweise werden in manchen Fällen für die Findung von Definitionen auch im geistigen Bereich oftmals auch Vergleiche aus dem materiellen verwendet.
In den genannten Schwierigkeiten der geistigen Begriffsklärung mag mancher eine Schwierigkeit sehen. Bei näherer Betrachtung jedoch wird die zunächst verwirrende aber notwendige Vielfältigkeit von Begriffen, die z.B. im Bezug auf „Freiheit“ genannt werden können, zu einer Quelle von neuen Aspekten, die das gemeinte Spektrum von „Freiheit“ erst erkennbarer, und die Vielfalt seiner Anwendung beweglicher machen. Erfahrungen und Erkenntnisse, die geistige Begriffe mit fehlender Formstruktur bezeichnen können, enden nie. Es sind auch in ihrem geschichtlichem Verlauf immer neue Entwürfe, und Veränderungen zu beobachten. Einmal gefasste Entwürfe- und sogar auf zeitlicher Schiene verlaufende neue Erfahrungen, Verschiebungen und Auflösungen können danach, wie manche auch vorher, nicht er- /gekannte Teilaspekte ergänzen und umgekehrt.
Das vorgegangene zeigt die soziale- und kulturell notwendige Beweglichkeit und Formbarkeit geistiger Begriffe. Aber auch den Moment, den Versuche eindeutiger Festlegungen in diesen Bereichen, nach sich ziehen würden, – die z.B. allerdings auch zu Lügen mutieren können.
3 Es gibt jedoch noch ein zweites und drittes zu erwähnendes Moment das mir bei der Frage „was ist Kunst“, in den Sinn kommt:
Als Zweites stellte der Wunsch nach der Suche einer Antwort letztlich nicht nur den Anspruch nach einer allgemein gültigen Definition. In Folge müsste diese Fassung Künstler und Betrachter in die Lage versetzen, über eine Definition für alle jemals geschaffene Kunst zu verfügen. Sie müsste darüber hinaus auch für jeden Zeitbezug in den Werken eindeutige Begriffsmomente zur Beurteilung von egal welchen Werken liefern können. Damit wäre aber auch eine „Richtschnur“ geschaffen, die den Charakter von Unveränderbarkeit trüge, womit aber gleichermaßen jeglicher freie kreativen Prozess von der Schaffung bis zur Rezeption eines Werks nicht nur gestört, sondern sehr negativ determiniert wäre. Ein kreativer Schaffensprozess würde einfach nicht mehr stattfinden.
Vergleiche hierzu den mit Gewalt von den Nazis durchgesetzten Deutungsanspruch von Kunst.
Zum Dritten müsste eine Kunstdefinition auch für jedes einzelne Werk in Unterscheidung zu anderen Werken Gültigkeit besitzen. Es ist eine Tatsache, dass man, um ein Werk zu betrachten, bewusst und unbewusst dazu gezwungen ist, viele mögliche „einfallende“ Stränge/Dinge ins Kalkül zu ziehen oder auszuschließen, einfach um zu erkennen/identifizieren. Erst direkt vor dem Werk und erst bei eingehender Betrachtung fallen uns spontan und zufällig Gedanken zu, letztlich aber meist eine ganze Spur, an der man entlang denken muss, um überhaupt zu Einsichten zu gelangen. Eine vorgefasste Definition, ein Vorurteil also, als eine parallel „übergeordnet“ existierende Maxime für „Kunst“ oder „Nichtkunst“, würde in diesem Augenblick des Betrachtens, eine zusätzliche, und auch hierbei eine entscheidende Einschränkung und eine Verdrängung von Teilen der Wahrnehmung darstellen. Und man bedenke hierbei auch und unter solchen Definitionen das dem Werk vorausgehende Schaffen des „Künstlers“ selbst. Er ist dabei nur noch ein Knecht für die Umsetzung fremder Vorgaben und Handlanger für außengeleitete Interessen.
Eine wie beschrieben allgemeingültige Antwort auf die Frage: „was ist Kunst“ würde den Künstler seiner Kreativität berauben und jene für mich als Betrachter vorher freien erkennbaren/spürbaren und entscheidenden Spielräume der Werkinhalte in den Hintergrund drängen. Es ist zu vermuten, dass solche Festschreibungen die Kunst selbst in kurzer Zeit in die Bedeutungslosigkeit abstürzen lassen würde.
Die nicht Herzustellende allgemein abgefasste Definition des Phänomens „Kunst“, belässt uns glücklicherweise im Stande, uns den vielfältigen Wesen von kreativem Schaffen und Kunst frei zu nähern, sie für uns selbst erkennen und letztlich sogar zu genießen oder sogar abzulehnen.
b) Anmerkungen zu „rechter“ politische Kunst
Die Möglichkeit einer neuen „rechten Kunst“ hatte ich in meinem Vortrag vom 5.5.2018 bereits angesprochen. Dazu veranlassten mich Feststellungen der aktuell relativ schwachen und unsicheren Stellung der darstellenden Kunst auf dem Lande.
Wenn z.B. in Österreichs Hauptstadt Wien, das Maria-Theresia-Denkmal mit einer Burka verhüllt wird (2017), so stellt das nicht nur einen Verweis auf Christo dar, es ist der künstlerisch gestaltente Wille einer erstarkenden Bewegung. Es ist kaum zu bezweifeln, dass die „neue Rechte“ die sich bislang noch an bestehenden Kunstformen bedient, auf dem besten Weg ist, ein Teil der Kunstlandschaft zu werden. Mit Ironie und Störaktionen im öffentlichen Raum besetzt sie weiterhin ein von den“ linken“ längst verlassenes Terrain.
Am Jahrestag des Breitscheidplatz-Anschlages z.B., stellten Identitäre dort symbolische Beton-Grabsteine auf, die Namen von Opfern der Anschläge von Brüssel, Paris, Manchester trugen …. und errichten auf dem geplanten Bauplatz einer Moschee in Regensburg Kreuze, mit Namen von Opfern des Terroranschlages in Brüssel.
Diese beiden Beispiele mögen schon jetzt verdeutlichen dass eine engagierte „Kunst“ von rechts keine Utopie mehr ist. Sie ist eine ernstzunehmende Richtung, die künftig sicherlich nicht davor zurück schrecken wird, alle nur denkbaren künstlerischen Mittel und Darstellungsformen einzusetzen, um ihre politische Positionierung mit Nachdruck zu stärken. Agitprop wird für sie dabei nur eine mögliche wirksame „Spielform“ darstellen.
Wer sich eingedenk dessen bei der Vorstellung einer „Kunst von Rechts“ heute noch heimelig-konservative Motive in Wort und Bild denkt, ja, wer den Kunstagitatoren jener hasserfüllten Mobs romantische Gedichte und Heimatsuseleien aus Romantik und Kaiserreich zusprechen will, verkennt den Ernst der Lage total! Das „gute Alte“, wird in der darstellenden Kunst, nach eingehendem Überdenken obiger Aktionen, künftig genau so wenig eine Rolle spielen, wie Wiederholungen eines Familienharmoniegesabbers vergangener Tage.
Anzumerken ist jedoch, dass auch für Werke einer „rechten politischen Kunst“ nur ein Teil des darstellenden künstlerischen Spielfelds zur Verfügung steht. Für beabsichtigt effektvolle Aussagen die im allgemeinen Kontext kunstpolitischer Agitationen eingebracht werden können, sind für politische Aussagen m.E. nur jene künstlerischen Spielräume brauchbar und sinnvoll, die eine Rückbezugsebene zu den in ihnen zugrunde liegenden politischen Aussagen zulassen. Dies gilt für alle politisch orientierten bereits vorliegenden und künftigen Kunstwerke.
Miltenberg, 29.5.2018
Fred K

ZWEITER BRIEF VON MAPEC AN FRED K

Lieber Fred K,

ganz herzlichen Dank, dass Du auf meinen Brief öffentlich geantwortet hast. Ich schätze es sehr, dass Du damit die Debatte um Kunst vorantreibst, ein Unterfangen, das in unserer Region fast schon unerhört ist, in jedem Fall aber beinahe ungehört, haben wir doch beide so gut wie nie vernommen, dass hier ernsthaft über Fragen zur Kunst debattiert worden wäre. Schon daher mein aufrichtiger Dank!

Beginnen wir mit der Frage nach dem, was Kunst ist, die Du wortgewaltig mit einem „das kann nicht definiert werden“ beantwortest. Ja, Du willst die Kunst auch gar nicht definieren, da jede Definition eine Einschränkung wäre – für Kunstschaffende wie für die Kunstbetrachtenden. Ich kann dagegen nur festhalten, dass meine Definition weder eine Einschränkung enthält, noch nach dieser Definition eine Einschränkung dessen, was Kunst ist, überhaupt möglich wird. Denn wenn die Kunst offen definiert wird, kann gerade verhindert werden, dass damit eine Einschränkung und Beengung herbeigeführt wird. Oder anders: Definiert wird bei mir das Wort „Kunst“, nicht etwa, was Kunst im Einzelfall ist. Daher auch die negative Abgrenzung wie bewusst subjektive Bestimmung. Alles andere muss offenbleiben.

Wenn wir uns aber um die Definition des Begriffes (nicht des konkreten Inhaltes!) von Kunst herumdrücken, dann werden andere diese Definition leisten. Ich vermute: nicht in unserem Sinne.

Weiter verwirfst Du den Anspruch nach einer allgemein gültigen Definition mit der Behauptung, „in Folge müsste diese Fassung Künstler und Betrachter in die Lage versetzen, über eine Definition für alle jemals geschaffene Kunst zu verfügen“. Auch das sehe ich anders. Es geht darum, für uns heute eine (wie immer: historische) Definition zu bieten. Was Kunst bei Rubens war oder noch davor, das ist sie heute ganz bestimmt nicht. Und das Morgen ist mir noch nicht bekannt, ich kann mich also nicht darauf beziehen. Eine Definition des Begriffes Kunst ist immer zeitgebunden. Das Nichtzeitgebundene heißt Gott – und in dieser Liga spielen weder Du noch ich.

Was die frühere Kunst betrifft, so können wir sie aber in die angegebene Definition aufnehmen, ausgehend von unserem heutigen Kunstverständnis, ausgehend also von dem, wie wir Kunst heute verorten, wie uns auch die alte Kunst gegenübertritt (weder Produktion noch Distribution, weder Dienstleistung noch Bildung, Wissenschaft oder Sport UND geschaffen in der für uns erkennbaren Kunst-Absicht UND als Kunst anerkannt).

Daher abschließend: Die Kunsttheoretiker haben die Kunst nur unterschiedlich bestimmt, es kommt aber darauf an, die Kunst freizulassen (sehr frei nach der 11. Feuerbachthese von Marx). Und dazu ist, wie ich jetzt noch mehr als zuvor festhalten darf, meine Definition dienlich. Ich gehe aber davon aus, dass diese Idee nicht auf meinem Acker alleine gewachsen ist, sondern dass viele vor und neben mir auch schon diese Gedanken hatten.

Kommen wir zum zweiten Thema, das von Dir angesprochen wird. Hier wirst Du endgültig apodiktisch: „Wer sich eingedenk dessen bei der Vorstellung einer `Kunst von Rechts´ heute noch heimelig-konservative Motive in Wort und Bild denkt … verkennt den Ernst der Lage total!“ Dem könnte ich nun ganz einfach eine andere Wahrheit entgegensetzen; ich gehe aber lieber in die Diskussion und halte als Anregung fest: Wer in den wenigen spektakulären Aktionen die Gefahr von rechts sieht, könnte sich sehr leicht auf dem Holzweg befindet. Denn gelegentliche Agitprop-Ereignisse – wie z.B. die Eselaktion von Kühnen und Worch 1978 (!) – sind doch wohl eher nicht das Wesen rechter Kunst. Diese werden dort nicht einmal mehrheitlich als Kunst aufgefasst; es sind nach rechtem Verständnis politische Aktionen. In Kenntnis des Erfolgs von Böhsen Onkelz, FreiWild („Die neue Reichskapelle“, Die Zeit) und vielen anderen sowie in Erwägung des rechts außen verbreiteten Diktums, dass Kunst von Können zu kommen habe, halte ich an den von mir gemachten Aussagen fest.

Gelegentliche happeningähnliche Aktionen der Identitären widersprechen dem nicht, sind – siehe Kühnen – auch gar nicht so neu; ihnen muss entgegengetreten werden – aber als Propaganda, nicht als Kunst (sie selbst bezeichnen das z.B. als „aktivistische Intervention“). Und: Jeder stramme Heimatsänger ist m.E. gefährlicher (weil an den Massengeschmack anschlussfähiger) als die ganze vermeintliche Aktionskunst der Identitären. Das, was schon lange da ist (Heimatmalerei, Kitsch, heroische Gesänge, „volks“tümlicher Pop …), was also das Nazi-Regime wohlgepflegt überdauert hat und gerne auch in modernisiertem Gewand erscheint, das macht rechte Kunst aus.

Beim Kampf gegen Rechts geht es aber auch um Begriffe. Ein solcher ist der Begriff „Kunst“. Und eine nicht-ausschließende Definition ist hier bereits ein Beitrag zur Auseinandersetzung, eine Hilfestellung im Handgemenge. Damit verbunden ist die radikal-demokratische Forderung, dass alle selbst entscheiden dürfen, was Kunst nun ist. Nur in der Negation wird von mir eine Bestimmung vollzogen; in der konkreten (positiven) Ausformung der Kunst entsteht Freiheit! Diese Begriffsbestimmung – oder im Sinne von Gramsci: der Kampf um einen Begriff als konkreter Kampf um Hegemonie – ist also bereits selbst Teil einer alternativen, linken, antifaschistischen Kunst.

Beste Grüße aus dem Handgemenge,
aus den Niederungen von Kunst und Gesellschaft

Mapec

ZWEITER BRIEF VON FRED K AN MAPEC

Mein lieber Mapec!
danke für Deine Antwort!

Die wohlmeinend- süßlichen aber in einer öffentliche Diskussion absolut unangebrachten, überbordenden Salbungen, wie, meinem Verständnis nach, die eines wissenden Lehrers seinem guten Schützling gegenüber, lehne ab! Es ging mir aufgrund Deiner gesendeten Eingangs-Ausführungen, um eine, wie besprochen, gemeinsame Auseinandersetzung mit – und der Ausarbeitung eines -Kunstbegriffes bzw. dessen mögliche Definitionen. Dabei sah und sehe ich drei Teilnehmer.
Deine Salbungen empfinde ich auch deshalb maßlos und fragwürdig, weil ich danach jegliche „eingehende“ Bezugnahme zu meinem Text mit dem gleichen Enthusiasmus vermisse, womit ich auch auf den übertriebenen Dank verzichten will.
Den Inhalt Deines Schreibens beginnst Du direkt danach auch mit einer glatten Falschansage, und zwar mit dem von Dir – meiner Feder sogar noch als wortgewaltig –unterstellten Satz, auf den sich dann fast die Hälfte Deines Antwortschreibens gründet „… das kann nicht definiert werden …“, – es gibt diesen Satz in meinem Brief leider überhaupt nicht und es entspricht auch nicht meinen vorgegangenen Erläuterungen, er steht vielmehr weiterhin in Frage! Ein seltsames Erlebnis war es für mich, zu sehen, wie Du in den Zeilen danach, auf deine selbstgesetzte Aussage „loswetterst“. Mein vorläufiger Schlusssatz in dem ich nach etlichen vorgehenden Abwägungen eine Ausgangsdefinition fand war:
… Die nicht Herzustellende allgemein abgefasste Definition des Phänomens „Kunst“, belässt uns glücklicherweise im Stande, uns den vielfältigen Wesen von kreativem Schaffen und Kunst frei zu nähern, sie für uns selbst erkennen und letztlich sogar zu genießen oder sogar abzulehnen.
Offenbar zu unwichtig für Dich, weil in Deinem Schreiben einfach übergangen! In diesem Satz ist übrigens auch der Vorschlag eines wichtigen Zusammenhangs von Kunst und Freiheit benannt, vorläufig begründet.
Ich kann indes nur annehmen, dass der bereits in Deinem ersten Brief aufgeführte, eingeklammerte Satz: „… (weder Produktion noch Distribution, weder Dienstleistung noch Bildung, Wissenschaft oder Sport UND geschaffen in der für uns erkennbaren Kunst-Absicht UND als Kunst anerkannt)“, die vorläufige Essenz Deiner Ausführungen darstellt(?). Er zeigt einen fragmentalen Querschnitt auch durch aktuelle Versuche einer Kunstdefinition wobei auf die von Dir, durch das „weder – noch“ eingeführten und sogleich wieder herausgenommenen Begriffe eigentlich verzichtet werden kann. Wenn es sich dabei (weil ohne Angabe) offenbar nicht um Beispiele handelt fehlen dabei unzählige „Abteilungen“, die rudimentär gesehen, zunächs, angeblich nicht Kunst sind. Eine Überprüfung/Begründung zur Auswahl selbst wurde jedoch nicht geleistet – sie kann auch nicht genannt werden, weil sie eine Definition von K. voraussetzen würde, die allerdings selbst noch aussteht. Interessant wäre gewesen, Beispiele zu erfahren, die Du dabei tatsächlich zur Kunst zählst und warum?
Dadurch, dass Kunst Deiner Ansicht nach das ist (2. Satzteil), was „in der für uns erkennbaren Kunst-Absicht“ geschaffen und als solche „anerkannt“ sein muss, wäre eigentlich schon deshalb alles gesagt, weil in diesem Fall alle „Kunst“, sowieso durch dieses Nadelöhr passen müsste. Vorausgesetzt, nicht begründet, aber fraglich ist auch der zunächst daraus zu ziehende Schluss, dass Kunst nur „in der für uns erkennbaren“ Absicht geschaffen werden darf(?), wenn sie K. sein will. Völlig unklar bleibt dabei, was diese für uns unverkennbare Kunst-Absicht überhaupt ist (??) und welche Qualität sie ausmacht? Auch bleibt z.B. die Frage, wer ist „uns“? Also frage ich mich z.B.: Wer sollte diese Absicht (wie) erkennen können? Wer sollte weiters in der Lage sein, irgendwelche Werke letztlich als Kunst „anerkennen“ zu können (was wiederum eine Präzise, bislang nicht vorhandene Definition von K. voraussetzen würde)?
Weil das Beispiel in meinem Schreiben auch ohne Anmerkung Deinerseits blieb, möchte ich nochmals an die Nazis und ihre rigorose, künstlich aufgestellte Deutungshoheit in Kunstsachen – wie auch in Folge, an die prekäre und erbärmliche Situation der Kunst in dieser Zeit verweisen!
Das schlimme dieser selbstherrlichen Definitions-Konstruktion lag nach meiner Ansicht darin, dass durch eben diese „nachgeschaltete übergeordnete Kontroll-Institution“, jegliche persönliche Freiheit, sowohl der Kunstschaffen wie auch der Rezipienten (z.B. durch drohendes „Ausschlussverfahren“) gleichgeschaltet wurde. Auch bin ich der Ansicht, dass sich in diesem Fall niemand mehr wagte die Frage zu stellen, was nun Kunst eigentlich sei.
Insgesamt finde ich Deine Antwort aus den genannten Gründen schwach. Manche Behauptungen scheinen aus meiner Sicht „einfach mal so“ dahingesagt. Zur weiteren Verwendung vermisste ich neben den fehlenden Bezugnahmen vor allem notwendige bzw. verständnisfördernde Grundlagen Deinerseits, auf die weiterführender Bezug möglich wäre (!).
Mit Deiner jetzt vorliegenden Antwort, die auf mich etwa so wirkt, als wolltest Du mir, einen Lehrbrief(e) in Sachen Kunst übergeben, nicht aber jene von mir am Anfang begrüßte Kunstdiskussion führen, bin ich, ehrlich gesagt, sehr enttäuscht! Offen gesagt, habe ich nach deinen Zeilen auch den Eindruck, dass Du weite Teile meiner Ausführungen entweder ignorieren willst oder sie überhaupt nicht gelesen hast (!).
Ich bitte Dich um Verständnis dafür, dass ich die Diskussion auf dieser Basis nicht fortführen werde!
Dieses Schreiben bitte ich als Antwort wie gehabt zu veröffentlichen.

Anm.: Buchempfehlung: der „große Hippias“ in dem eine etwa schon 2400 Jahre alte ähnliche Konstellation vorliegt …

4.6.2018 Fred K


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