Geburt in einem bestimmten Herrschaftsbereich

Ein kleiner Kommentar, den ich heute unter einem Beitrag bei Facebook angebracht habe; hier dokumentiert, um ihn der Vergänglichkeit der so genannten sozialen Medien zu entreißen:

Ich weiß auch nicht, wie oft das noch festgestellt werden muss, bis die liberalen, nationalen, konservativen … oder gleich knallrechten Dumpfbacken das begreifen: Stolz ist – wenn überhaupt – nur auf das angebracht, was ich selbst geschaffen habe. Der Zufall einer Geburt in einem bestimmten Herrschaftsbereich ist kein Verdienst!
Aber diese geistigen Tiefflieger werden es wohl nie lernen, weil zuviel Selbsterhöhung an diesem Deutschsein hängt. Was soll da noch helfen? Beten? „Oh Herr, schmeiße Hirn vom Himmel.“


2 Antworten auf „Geburt in einem bestimmten Herrschaftsbereich“


  1. 1 Yomotsumono 06. April 2018 um 8:49 Uhr

    Sie schreiben: „Stolz ist – wenn überhaupt – nur auf das angebracht, was ich selbst geschaffen habe. Der Zufall einer Geburt in einem bestimmten Herrschaftsbereich ist kein Verdienst!“
    Ich bin stolz auf die Werte, wie sie in den Menschenrechten zum Ausdruck kommen und stolz auf das Grundgesetz, weil sie Abwehrrechte des einzelnen gegen den Staat sind. Darum werde ich beide verteidigen, selbst wenn ich kaum etwas dazu beitragen habe. (Das Pech der späten Geburt.)

    Soll ich zusehen, wie diese Rechte von Vereinfachern demontiert werden, weil Verteidigung Ausdruck von Fremdstolz ist? Soll ich mich statt einzuschreiten einer psychologischen Bauchnabelschau mit kreativer Therapie hingeben und passiv zusehen, wie der geistige Bewegungsradius in der Öffentlichkeit immer mehr eingeschränkt wird, weil mir immer mehr Engdenker*innen dikatotorisch vorschreiben wollen, wie ich zu denken, zu fühlen und zu reden habe?

    Nö, Stolz auf das, was andere vor mir erreicht haben, muss nicht zwangsläufig unangebracht sein. Jeder kann ja selbst entscheiden, ob er sich mit fremder Leistung identifiziert (und muss als Bayern-München-Fan eben mitleiden, wenn die Mannschaft verliert), aber ich halte den Gedanken, nur auf das Selbstgeschaffene stolz zu sein für eine nicht notwendige Zwangskoppelung, zumal diese Selbstkasteiung meist mit einer eigenen relativen Erhöhung verbunden ist.

    Statt sich mit Fremdgut aufzuwerten, nimmt man eben Selbstgeschaffenes, was dann ja auch zur Abwertung anderer Menschen führen kann, wenn diese weniger originell, kreativ und intelligent sind. Ist nur nicht so offensichtlich sichtbar.

    Stolz an Selbstgeschaffenes zu koppeln – also an Leistung – hat einen Hauch von angenommenen Neoliberalismus. Was ist, wenn der Flow nachlässt und man unter die Räder seines eigenes Bewertungssystems gerät? Der Bayern-Fan hat dann immer noch seinen Verein und seine Kumpel*innen; der Selbstgeschaffene widmet sich dann der Depression und dem Nichtverstandenwerden. So dumm ist Fremdstolzsein dann doch nicht.

    Meine Erfahrung zeigt, dass die angeblichen Dumpfbacken diese subtile Arroganz ganz genau mitbekommen und sich dann Leuten zuwenden, von denen sie ernster genommen werden.

    Die subtile Arroganz der liberalen Kemalisten in der Türkei einfachen Menschen gegenüber führte z.B. genau zur AKP, denn diese nahm endlich die einfachen Menschen ernst.
    … und die liberale Arroganz wundert sich noch heute, warum die Menschen, die sie doch so subtil verachteten, Erdogan folgen und nicht ihnen. Dass einfache Menschen plötzlich ohne arroganten Unterton ernst genommen werden, kann ja auch bei uns geschehen. Eigentlich sind wir schon mittendrin.

    Warum? Weil auch die Intelligenzia immer wieder die gleichen Verhaltensmuster der Arroganz aktiviert. Wahrscheinlich weil sie in ihrem Fokus auf Leistungsorientierung wahnsinnige Panik davor hat, mal nicht besser zu sein. Alleine der Anblick eines einfachen Gemüts reicht meist als Auslöser, sich davon distanzieren zu wollen. Nur diese angeblichen einfachen Gemüter merken das eben jedes mal.

    Wenn intelligente und begabte Menschen ihren Umgang mit anderen Menschen so schlau einrichten würden, dass sie, wenn sie einmal morgens dumm und ohne Talent aufwächten, sich immer noch wert fühlen, weil sie die Menschen um sie herum lieben, hätten sie auch weniger Angst vor dem „Abgrund des Einfachheit“.

    Dann wären – so meine unbewiesene These – auch die einfachen Menschen ernst genommen und würden sich weniger den schillernden Einzelfiguren zuwenden, die Verbundenheit immer nur durch Diktatur und Krieg gegen andere Menschen versprechen. Aber warum gelingt ihnen dieser Coup? Weil sie vielen Menschen immer noch weniger kalt erscheinen als die Menschen, die sich besser dünken als der angebliche Pöbel.

    Hier ist die Wunde, das Manko gebildeter Leute, die ihre Angst vor dem Einfachsein nicht bearbeitet haben. Der blinde Fleck, der neben den immer wieder öffentlich diskutierten Gründen, dazu führt, dass sich die Menschheit nur in darwinischen Geschwindigkeiten entwickelt.

    Oh, ich merke, ich begann meine Gedanken als Antwort auf Ihren Satz und hob dann zu Themen ab, die gar nicht mehr an Sie gerichtet sind. Verzeihen Sie mir. Das ist nicht auf Sie gemünzt. Aber vielen Dank für Ihren Impuls.

    Grüße aus dem Süden

    Yomotsumono

    PS: Schreibefehler gefunden?! Der Text ist auf dem Tätschelfeld eines Handfernsprechers geschrieben.

  2. 2 Mapec 10. April 2018 um 11:40 Uhr

    „Stolz ist – wenn überhaupt – nur auf das angebracht, was ich selbst geschaffen habe.“ Ja, wenn überhaupt. Denn wenn der Mensch angenommen ist, wertgeschätzt, nicht Objekt von Wirtschaft und Politik, sondern Subjekt des eigenen Tuns, dann ist Stolz wohl überhaupt kein Thema mehr. Bis dahin aber halte ich daran fest: Stolz nicht fürs Vaterland, für dessen Sein ich (oftmals: Gott sei Dank!) nichts kann.

    Mit Liberalismus hat dieser Standpunkt nichts zu tun, dieser will ja gerade den Stolz auf den nationalen Standort, die Verbundenheit mit dem Kollektiv des Betriebes (bis hin zu unsäglichem Müll wie den Betriebshymnen), die Opferbereitschaft für das Volk und den Verzicht im Namen einer höheren Sache (Wettbewerbsfähigkeit), also die permanente Anbindung an Zwangskollektive, auch wenn der Liberalismus von der Ideologie her anderes behaupten mag.

    Fußball versteht falsch, wer Stolz auf seine Mannschaft ist als hätte er (oder sie) die Tore selbst geschossen. Ich fiebere mit meiner Mannschaft (habe sogar deren zwei), freue mich, ärgere mich, unterhalte mich, habe ein wunderbares Hobby. Sehr problematisch wird es aber, wenn auch hier ein Kollektiv entsteht, das andere ausgrenzen will. Dann gibt es auf die Fresse für die „anderen“ Fans. Dass Fußball so sein kann – geschenkt. Er ist dann eben auch nur Ventil, Mittel zur (falschen) Selbsterhöhung der Erniedrigten.

    Dankbar sein (gegenüber dem Schicksal, gegenüber Gott, gegenüber dem Weltgeist … was auch immer), dass ich hier und nicht am Hindukusch leben kann – ja. Mehr braucht es aber nicht. Alles andere wird entweder kitschig oder brutal.

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