Verletzlichkeit und Aufstehen

Michael Morgner (in der Fotocollage oben links) ist jener Künstler, der seit letzter Woche im Museum Birg Miltenberg im Rahmen einer Sonderausstellung ausstellt. Erwartbar ist, dass ich nun einige Worte dazu verliere, zumal ich bei der Vernissage (s. die Fotocollage) anwesend war.

Mein erstes Lieblingsbild im Burgmuseum zu Miltenberg war eines von Morgner, betitelt Ecce Homo, eine Betitelung, die er öfter verwendet. Wir sehen das Werk in der zweiten Reihe auf dem linken Bild der Fotocollage neben dem Künstler. Heute kann ich beim besten Willen nicht mehr angeben, was mein Liebslings-Exponat auf der Burg ist, es sind einfach zu viele Werke, die mir ans Herz gewachsen sind, die mir viel bedeuten. In jedem Fall war aber Morgner einer der Künstler, die mir sofort aufgefallen sind. Und das völlig berechtigt.

Michael Morgner aus Chemnitz, das später Karl-Marx-Stadt hieß und heute wieder als Chemnitz firmiert, gehörte zu den nonkonformistischen Künstlern der DDR, was ihn zum Stasiopfer machte. Die Beschädigung des Menschen, seine Verletzlichkeit, aber auch das Aufstehen aus diesem Opfersein, ist – das dürfte auch biografische Gründe haben – immer wiederkehrendes Motiv seines Werkes.

Ein bescheidener Mensch im hellen und sehr bequem sitzenden Anzug, keine Starallüren, eher unauffällig – so erschien Michael Morgner in Miltenberg. Dr. Jürgen Lenssen, bis vor Kurzem Kunstreferent des Bistums Würzburg und nun als Privatmann hier, hielt die einführenden Worte zur Vernissage. Ausführliche 40 Minuten nahm er sich Zeit, Morgner zu würdigen. Dabei lobte er dessen Marktferne, d.h. Morgners Verweigerung der Einbindung in den kapitalistischen Kunstmarkt, was der Künstler selbst aber an anderer Stelle als problematisch ansah. Verständlich, muss doch er auch von etwas leben – und das geht, zumal im Kapitalismus, mit Geld besser als ohne, mit mehr Geld besser als mit wenig. Kunst ist Ware, zumindest dann, wenn ich davon leben muss. Und Kunsttätigkeit wird dann zur Arbeit. Das versteht auch ein einstiger DDR-Künstler schon nach kurzer Zeit.

Bevor ich mich nun in Details zum Werk von Michael Morgner ergehe, schließe ich lieber mit einer Aufforderung: Schaut euch die Sonderausstellung im Burgmuseum Miltenberg selbst an, es lohnt sich. So wie sich immer ein Besuch dort lohnt!

Und weil es so schön ist, hier noch ein Film, der Michael Morgner zeigt, kreativ tätig:


1 Antwort auf „Verletzlichkeit und Aufstehen“


  1. 1 Bote vom Untermain, 31.07.17 01. August 2017 um 11:21 Uhr

    DOKUMENT
    Text der Berichterstattung in der Zeitung „Bote vom Untermain“

    Mensch zwischen Ketten und Ausbruch

    Ausstellung im Museum Burg Miltenberg

    Bis 1. No­vem­ber gibt es ei­nen Grund mehr, ei­nen Be­such der Kreis­stadt mit ei­nem Auf­s­tieg zur Mil­den­burg zu krö­nen. Im Dach­ge­schoss prä­sen­tiert Mu­se­ums­lei­ter Her­mann Neu­bert die Aus­stel­lung mit Wer­ken des weit über Deut­sch­land hin­aus be­kann­ten Chemnit­zer Künst­lers Mi­cha­el Morg­ner. In der lan­gen Rei­he von Prä­sen­ta­tio­nen, die deut­sch­land­weit zu Morg­ners 75. Ge­burts­tag lau­fen, kann sie sich se­hen las­sen.

    Gezeigt werden großformatige Zeichnungen auf Japanpapier und Prägedrucke, die in vielen Perspektiven Morgners zentrales Thema, den Menschen als Verwundeten, Todgeweihten, aber auch als Aufstehenden und Kämpfer, thematisieren. Vor allem aber die Skulpturen mit der unverwechselbaren Handschrift des Künstlers prägen das Bild im Obergeschoss des Museums.
    Ersatz für Cranach
    Im Zentrum des großen Raums: das eindrucksvolle Modell des Kemberger Altars mit dem Schriftzug »Ecce Homo«, mit dem Morgner den Wettbewerb für »Ersatz« des großen Cranach-Altars gewann, der durch ein Feuer zerstört wurde. Wie ein roter Faden zieht sich das Motiv des »Schreitenden« in Bronzeskulpturen und Zeichnungen durch die Ausstellung.
    Polarisierendes »Harkenkreuz«
    Zum »Star« könnte das »Harkenkreuz« avancieren. Es ist ein großes Kreuz aus Bronze, das der langjährige Kulturreferent der Diözese Würzburg, Jürgen Lenssen, 2005 auf seiner Bahnfahrt von Chemnitz nach Würzburg mit sich führte und dabei erleben konnte, welche Reaktionen moderne religiöse Kunst hervorrufen kann.
    Lenssen eröffnete am Donnerstagabend die Ausstellung im Rittersaal mit einer ausführlichen Einführung. Auch Museumsleiter Hermann Neubert war sichtlich beeindruckt von der Persönlichkeit Michael Morgner. Mit Parallelen zu Eugen Ruges großem Roman »In Zeiten des abnehmenden Lichts« ging er auf die Biografie des Künstlers in der DDR ein und hob hervor, dass er immer wieder existenzielle Fragen in seiner Kunst aufwerfe.
    Weit weg von Marktgesetzen
    Das vertiefte Lenssen, der Morgner 1991 kennenlernte. Er würdigte, dass der Künstler »immer weit weg von Marktgesetzen« gewesen und sich immer treu geblieben sei. Als zentrale Themen arbeitete Lenssen den Menschen in seiner Spannung zwischen Eingekettetsein und Ausbrechen heraus. An den vielschichtigen Arbeiten zeigte er, dass man Parallelen zu der »Haut des Gemarterten« ziehen könne.
    Religiöse Kunst im engen, ideologischen Sinn sei das nicht, aber man dürfe durchaus die Frage stellen: »Ist Kunst nicht immer religiös?«
    Stilvoll am Tafelklavier
    Über die Vernissage am Donnerstag freute sich der Künstler genau so wie über die Präsentation seiner Werke. Sylvia Ackermann gestaltete mit feinfühlig interpretierten kleinen Werken Haydns, der Bachsöhne Friedemann und Carl Friedrich Emanuel auf dem Tafelklavier die Eröffnung so stilvoll und brillant, dass sich so mancher Besucher etwas mehr Musik und etwas weniger Worte gewünscht hätte.

    bDie Ausstellung im Museum Burg Miltenberg ist bis 1. November dienstags bis freitags von 13 bis 17.30 Uhr, samstags und sonntags von 11 bis 17.30 Uhr zu sehen.
    HEINZ LINDUSCHKA
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