Kunst kann vorwegnehmen, was die Gesellschaft noch zu erbringen hätte

Ansprache zur Vernissage der Ausstellung mit Werken von Gunhild Schneider am 7. Juli 2017, Café fArbe, Miltenberg

Als ich die schon seit einigen Tagen hier im Café fArbe hängenden Bilder zum ersten Mal bewusst ansah, hatte ich gleichzeitig zwei Empfindungen. Die eine sagte mir, dass das keine Neuerfindung der Kunst ist, nichts, was ich nicht in ähnlicher Weise schon anderswo gesehen hätte, so mein Eindruck. Die zweite fast gleichzeitige Empfindung sagte mir: Das, was du hier siehst, ist gut! Versuchen wir also, diesen beiden Eingebungen, die nicht unbedingt sofort deckungsgleich zu bringen sind, nachzugehen.

Erst einmal: Es ist richtig, hier findet keine Neudefinition der Kunst statt. Vielmehr benutzt Gunhild Schneider bekannte Stilmittel aus dem Expressionismus, der informellen Kunst bzw. dem abstrakten Expressionismus, sicherlich auch Zitate aus der naiven Malerei und anderen Richtungen des Kunstschaffens. Wir könnten also sagen: Alles schon mal in ähnlicher Weise gesehen.

Was also ist es, das mich dennoch fasziniert hat und das Werk von Gunhild Schneider als Einheit erscheinen lässt? Schon nach kurzem Überlegen erinnerte ich mich an den Titel der Ausstellung: Farbenfrohe Experimente. Selten war ein Ausstellungstitel so unspektakulär, so bescheiden und gleichzeitig so treffend. Es ist die Freude an der starken Farbe, die aus allen Bildern spricht. In einer höchst unaufgeregten Weise schafft Gunhild Schneider ihre Werke, lässt sich vom Zeitgeist nicht ablenken, bleibt bei sich und bei ihrer Lust an der Farbe. Wer jetzt kritisieren möchte, darf diese Bezugnahme auf vergangene Stilepochen als rückwärtsgewandt abtun; ich selbst sehe es als eine konsequente persönliche Haltung an, als eine der Möglichkeiten, im Kunstbetrieb sich selbst treu zu bleiben.

Vielleicht ist es aber auch ganz einfach so, dass eine Frau, die sich 1989 mit über 40 Jahren entschließt, der Kunst mehr Raum in ihrem Leben zu geben, nicht zu wildem Aktionismus, zu beuysscher Grenzerweiterung oder dem Orgien-Mysterien-Theater des Hermann Nitsch neigt, auch mit Videoinstallationen und Happenings wenig anfangen kann, dafür aber etwas sucht, was sie im klassischen Bildformat und in vorhandenen Stilmitteln findet: ein Ausdruck der eigenen Gefühle, eine Möglichkeit des Zur-Ruhe-Kommens, eine Huldigung des Schönen und eine Verneigung vor dem Humor. Denn auch dieser kommt bei Gunhild Schneider nicht zu kurz, wenn sie z.B. eine Katzenkonferenz zum Thema macht.

Aber da scheint noch mehr zu sein. Lassen Sie mich daher ein Gedicht des sicherlich nicht unumstrittenen Friedrich Kayssler zitieren, der mir hier rundum zusagt. Unter dem Titel „Kunst“ schrieb dieser:
Auslöschen den Raum,
die Zeit überfliegen,
den Alltag bekriegen,
erstürmen den Traum,
Wahrheit er-leben, er-leiden!
Nie sich genügen, bescheiden!

Da ist viel Richtiges enthalten. Denn Kunst löscht zumindest vorübergehend den Raum um uns aus, führt uns in neue Räume, in neue Fantasien. Die Zeit wird überflogen, eine neue Zeit hebt an, wenn wir wirklich in die Kunst eintauchen. Dem Alltag wird der Krieg erklärt, indem die Kunst uns immer wieder zeigt: Jeder Mensch ist fähig zum kreativen Schaffen; das, was so alltäglich ist, muss also nicht ewig so bleiben, es kann dank der menschlichen Kreativität umgestaltet werden. Die Kunst führt uns dies immer wieder vor. Bei Kayssler heißt es weiter, dass der Traum erstürmt wird. Ein wunderbares Bild, das die Tiefe der Kunst andeutet, die bis hinein in die psychische Ebene des Traumes reicht, die sich aber auch aus diesen Träumen speist. Schließlich betont der Autor, in der Kunst würde Wahrheit erlebt und erleidet. Ich stimme ihm hier zu: Kunst macht das Erleben intensiver, damit auch das Leiden. Aber sicherlich nicht zur Leidverherrlichung, sondern zur Sichtbarmachung als Voraussetzung der Bewältigung des Leids. Und schließlich heißt es bei Kayssler, dass wir uns in der Kunst nie bescheiden sollen. Ja, die Kunst triebt weiter. Sie ist unbescheiden kreativ, begnügt sich nicht mit dem Alten.

Hier aber können wir zu den Werken von Gunhild Schneider zurückkehren. Ist auch der erste Eindruck richtig, dass hier keine Neudefinition der Kunst angestrebt ist, so müssen wir doch festhalten, dass die Künstlerin sich selbst stets weiterentwickelt hat, also eben nicht im Alten verharrt. Kunst wird hier zum persönlichen Entwicklungsmotor, so scheint mir. Die Kunst kann somit im Kleinen auch vorwegnehmen, was die Gesellschaft noch im Ganzen zu erbringen hätte: die Entfaltung der kreativen Fähigkeit aller Menschen, nicht etwa zur Erhöhung der Effektivität und des Gewinns, sondern zur Erhöhung der Zufriedenheit der Individuen, also zum persönlichen Glück aller.

Nochmal der Text von Friedrich Kayssler in voller Länge:
Kunst
Auslöschen den Raum,
die Zeit überfliegen,
den Alltag bekriegen,
erstürmen den Traum,
Wahrheit er-leben, er-leiden!
Nie sich genügen, bescheiden!

Nehmen wir die Ausstellung mit Werken von Gunhild Schneider, um in die Kunst einzutauchen, um Träume zu erstürmen und den Alltag zu bekriegen, um Glück zu finden. Dazu lade ich uns alle ganz herzlich ein!


1 Antwort auf „Kunst kann vorwegnehmen, was die Gesellschaft noch zu erbringen hätte“


  1. 1 Martina Pechtold 12. Juli 2017 um 8:57 Uhr

    Eine sehr treffende und stimmige Ansprache Martin. Macht neugierig auf die Bilder und mit dem Text von Kayssler sicher ein besonderes Erlebnis. Freue mich darauf. Grüße an die Künstlerin!

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