Deutschland gedenkt offenbar anders als ich


Neue Synagoge in Miltenbeg, 1903 bis 1938, Aufnahme um 1910, Postkarte im Verlag Antik & Trödel, Hauptstr. 95, 63897 Miltenberg, Tel. 09371 6 63 96 / übernommen von kommunal.blogsport.de

Heute ist wahlweise der internationale Gedenktag an die (jüdischen) Opfer des Holocaust oder – zumindest in Deutschland – der Gedenktag an alle Opfer des Nazi-Regimes. Kann das Land der Täter den Jüdinnen und Juden keinen eigenen Gedenktag zugestehen? Wollte Roman Herzog – der vielgepriesene (was ich nie verstanden habe) Ruck-Prediger – mit einem Aufwasch alle Opfergruppen abfertigen, statt jeder Gruppe einen eigenen Gedenktag zuzugestehen?

In jedem Fall: Der 27. Januar war der Tag im Jahr 1945, an dem die Truppen der Sowjetunion („Was hilft gegen deutsche Landser? Iwan und sein Sowjetpanzer!“) das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau befreiten.

Für mich ist – der internationalen Lesart mich anschließend – dieser 27. Januar nicht der Tag des Gedenkens an alle Opfer des deutschen Terrors, sondern der, an dem ich der jüdischen Opfer gedenke, zuerst jener aus der Stadt, in der ich lebe. Herausgekommen sit dabei die Broschüre Tatort Miltenberg, die teilweise früher schon als HTML-Fassung erschienen war.

Das Thema der Shoa (oder Holocaust), jenes singuläre Menschheitsverbrechen, kann einen christlich oder humanistisch sich bezeichnenden, einen sensiblen oder gar künstlerisch-kreativen Menschen nicht loslassen. Es hat mich immer wieder beschäftigt und tut dies auch weiterhin. So geht mein Interesse an gesellschaftlicher Theorie und Praxis auch und gerade auf den Umstand zurück, dass ich als junger Mensch fassungslos und dann voll Abscheu vor diesem Megaverbrechen stand, das Menschen zu verantworten hatten und durchführten, die meine geliebte Muttersprache sprachen, die sich teils sogar Christen nannten, die schöngeistige Literatur lasen, die lachten und Witze machten, jene Menschen aber auch, die Kunst zu etwas „Entartetem“ erklärten, die gute Bücher verbrannten, die herausragende Denker und Künstler ins Exil trieben … Ich war fassungslos und hatte den Wunsch, das erklären zu können und meinen Beitrag zur Verhinderung von neuen Strömungen dieser Art zu leisten.

Und mir wurde klar: Wer heute nicht politisch sein will, der ist es in noch größerem Maße als ich. Denn wer sich zu diesen die Vernunft und letztendlich die Menschen vernichtenden Ideen nicht äußert, sie nicht aktiv verneint, der oder die stimmt durch Nichtstun jenem Schlechten zu. In einer Gesellschaft wie der unsrigen gibt es keine Zuschauer mehr.

„Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“ (aus dem Schwur der Häftlinge des KZ Buchenwald, 1945)