Anmerkungen zu Fragen der Erinnerung

Rede gehalten im November 2012 in Miltenberg

Nach meinem Beitrag bei der Veranstaltung zum 9. November 2011 in Miltenberg erhielt ich mehrere Reaktionen, die mich veranlassten, einigen Fragen nachzugehen. Dies möchte ich im folgenden tun.

Frage 1: Können wir den antifaschistischen Zeitzeugen trauen?

Ich selbst habe bei der Veranstaltung im letzten Jahr erwähnt, dass ich nicht alle Angaben des zitierten Zeitzeugen für die Ereignisse am 9. und 10. November 1938 in Miltenberg für historisch nachvollziehbar halte. Es war aber der einzige Bericht, der eine Stimmung dieser Ereignisse wiedergibt. Als solcher wurde er verlesen. Auch historischen Zeitzeugen gegen das Naziregime muss ich zugestehen, dass sie nicht unfehlbar sind; dennoch finde ich in ihren Aussagen immer wieder hochgradige Übereinstimmung zur wissenschaftlichen Forschung, spüre ich bei ihnen jene Wärme, Selbstreflexion und Solidarität, die wir in den Originaldokumenten der damals Herrschenden so schmerzlich vermissen.
Für viel problematischer halte ich die Zeitzeugenberichte der in einschlägigen Publikationen so genannten „Erlebnisgeneration“, also derjenigen, die ein sehr starkes Interesse hatten und – soweit sie noch leben – auch heute noch haben, die Gräuel nicht wie Gräuel, den Terror nicht wie Terror und die eigene Schuld nicht wie Schuld aussehen zu lassen.
Wir aber können für unser Gedenken nur die Ergebnisse der historischen Forschung heranziehen – und die Zeitzeugen, die nicht den Tätergeruch verströmen.

Frage 2: Gab es damals in Deutschland nur Täter und Mitläufer, war denn niemand anständig geblieben?

Sicherlich gab es in Deutschland vernünftige, anständig gebliebene Menschen. Auch in jener Nacht im November 1938. Einige öffneten die Türen für ihre jüdischen Nachbarn, andere, viele andere ließen die Türen verschlossen. Und es kann nicht bestritten werden, dass auch ganz normale, nicht-uniformierte Bürger an der so genannten „Kristallnacht“ beteiligt waren; das waren nicht ausschließlich brutalisierte Horden der SA.
Es gab damals moralisch sauber gebliebene Menschen und einige im Widerstand; es gab sehr viele funktionierende Mitläufer und ausreichend überzeugte Täter. Nur: Als ich begann, mich mit 13 oder 14 Jahren für dieses Thema zu interessieren, stieß ich auf eine interessante Sache: Es war angeblich niemand dabei gewesen! Niemand hatte Schuld auf sich geladen. Wen immer ich auch fragte.
Nun müssen aber Millionen aktiv mitgewirkt habe. Hitler, Göring und Goebbels können ja nicht selbst all diese Menschen vernichtet und den Krieg durchgeführt haben. Es entstand also immense Schuld auf dem Boden, auf dem wir heute leben; in der Nation, der wir angehören. Schuld durch Mittun, durch Funktionieren, durch Unterlassen, durch Wegsehen.
Daran zu erinnern ist Aufgabe von z.B. solchen Gedenktagen wie heute. Und wie wichtig dieses Erinnern ist, das zeigen die Wahlerfolge der NPD, viel mehr aber noch die alltäglichen rassistischen Pöbeleien und Übergriffe; das zeigen Umfrage bezüglich der antisemitischen Einstellung der Deutschen; das zeigen die Wahnsinnstaten von Nazi-Terroristen.
Das Vergangene ist also nicht bewältigt oder erledigt, das Vergangene ist noch nicht einmal vergangen.

Frage 3: Hatten die Deutschen die Verbrechen des Nazi-Regimes gekannt?

Es ist immer problematisch, von „den Deutschen“ zu reden. Darunter waren sowohl Täter als auch Mitläufer, Kinder, Erwachsene und Greise, auch Opfer, deutsche Jüdinnen und Juden zum Beispiel. Aber wir dürfen davon ausgehen, dass alle erwachsenen Deutschen vielleicht nicht immer alles aber immer etwas gewusst haben. Es gab offensichtliche Gräuel des Regimes, die niemand übersehen konnte, es gab Berichte von Soldaten und Parteifunktionären, SS- und SA-Männern, es gab die ausländischen Radiosender, die trotz Verbot gehört wurden, und es gab das Zugpersonal und die Bahnmitarbeiter bei den KZ-Transporten, die Bewohner in der Umgebung der Konzentrationslager auf deutschem Boden, und viele mehr, die etwas gewusst haben mussten. Schon in den fünfziger und sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts gaben bis zu 40 % der Befragten freiwillig an, sie hätten von den Massenmorden gewusst; hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung wären dies 35 Millionen gewesen.
Der heutige Forschungsstand ist, dass auch ohne umfassende Detailkenntnisse über den organisatorisch-technischen Ablauf spätestens ab ca. Mitte 1943 die große Mehrheit der Deutschen davon ausging, dass alle in Deutschland und den besetzten Gebieten sowie verbündeten Ländern lebenden Jüdinnen und Juden umgebracht werden sollten.
Heute aber wissen hundert Prozent der erwachsenen Bevölkerung, was damals geschah. Mit Unwissen konnten sich die Deutschen damals schon kaum herausreden, wir heute beim besten Willen überhaupt nicht.

Frage 4: Wie hätten wir uns damals verhalten?

Wir wissen es nicht. Wir können hoffen, wir hätten den Mut zu irgend einer Art der Gegenwehr gehabt. Wir können beten, Gott möge uns in einer solchen Situation Kraft zur Redlichkeit geben. Aber wissen können wir nichts. Und daher ist das auch nicht mein Thema. Wichtig ist mir an einem solchen Abend, aufzuzeigen, dass Schuld nicht ungeschehen wird durch Leugnung – und dass sie uns verpflichtet.
Es gibt keine Kollektivschuld, aber es gibt auch keine kollektive Unschuld. Und vor allem gibt es Verantwortung.

Frage 5: Haben nicht andere Menschen in anderen Ländern ähnliche oder genauso große Schuld auf sich geladen?

Schuld lässt sich nicht aufrechnen, die Taten anderer machen die deutschen Taten nicht einen Deut unschuldiger. Und: Die industrielle Ermordung von Millionen Menschen, das massive Hintanstellen kriegswichtiger Belange zur blutigen Durchsetzung eines Rassenwahns (z.B. die Eisenbahnwagen, die statt Militär Jüdinnen und Juden zu transportieren hatten), der antisemitische Wahn als Staatsziel – dies und einiges mehr sind Einmaligkeiten, die das Monströse des deutschen Faschismus, also des Naziregimes, noch monströser erscheinen lassen und ihn mit nichts anderem vergleichbar machen.
Und die gegenüber mir gemachte Feststellung, dass schließlich nicht nur Hitler, sondern auch Stalin nicht verhindert werden konnte, kennt nur eine Antwort: Warum Stalin nicht verhindert wurde, dieser Frage müssen sich zu allererst die ehemaligen Sowjetstaaten stellen. Wir haben andere vordringliche Fragen. Vergleichbar sind diese Fragen aufgrund der völlig unterschiedlichen Ausgangslagen nicht, haben wir doch Zarismus und folgende Parteiendiktatur in Rußland bzw. der UdSSR einerseits – und andererseits einen demokratischen bürgerlichen Staat im deutschen Fall als erheblich günstigere Ausgangslage zur Verhinderung eines Diktators.
Ich bin übrigens der Meinung: Hitler wäre sehr einfach zu verhindern gewesen. Er hätte z.B. 1923 nur wegen seines Hochverrats die vorgesehene Strafe bekommen müssen, dann wäre er 1933 niemals Kanzler geworden. Die deutsche Justiz, die Gesetze über alle Maßen beugend, versagte, wie auch Politik, Wirtschaft und Militär in wesentlichen Teilen auf die autoritäre Lösung setzten und damit die bis dahin unvorstellbaren Gräuel ermöglichten.


Frage 6: Kann sich ein „3. Reich“ wiederholen?

Diese Frage ist eindeutig mit Nein und mit Ja zu beantworten. Nein, denn diese lächerlichen Uniformen, dieser karikaturhafte halbe Oberlippenbart Hitlers, diese schreiend-komischen Posen und die teils plumpe Propaganda sowie die nationale Abschottung werden sich sicherlich nicht wiederholen können. Daher bleibt der NPD als Vertreterin dieser Art der nostalgischen extremen Rechten nur der Part, eine neue Prügelgarde in der Tradition der SA zu stellen. Eine denkbare Machtübernahme von rechts außen kann nur anders aussehen.
Aber sie ist denkbar. Denn der Faschismus hat viele Gesichter. Er kann auftreten als Nazi-Regime, als Militärdiktatur wie in Chile, als italienischer Faschismus Mussolinis, als absolute Monarchie nach Art Saudi-Arabiens, als klerikales Terrorregime wie im Iran; er könnte auch völlig neue Formen annehmen, die aber immer wesentliche Elemente aufweisen würden: Denn immer ist er antidemokratisch, antikommunistisch, in unterschiedlichen Formen rassistisch und antisemitisch, nationalistisch und sexistisch, immer hat er eine starke gewalttätige und militaristische Komponente.
Wenn relevante Teile der Bevölkerung die Lösung der gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Krisen in die Hände einer „starken“ Partei legen wollen, wenn gleichzeitig ebenfalls relevante Vertreter aus Politik, Verwaltung, Polizei, Justiz, Militär und vor allem aus den entscheidungsbestimmenden Teilen der Wirtschaft ebenfalls diesen Weg beschreiten wollen – dann ist ein neuer autoritärer Staat immer wieder denkbar.
Und genau deshalb hat unser Gedenken neben der Erinnerung an die Opfer auch noch diesen zweiten wesentlichen Punkt: die Täter und ihre Taten aufzuzeigen, damit diese nie wieder geschehen mögen.

Frage 7: Was folgt daraus?

Es ist dringend geboten, jeder autoritären, gewaltverherrlichenden und Menschen abwertenden Idee entgegenzutreten. Es ist nötig, in der gemessen am Hitler-Faschismus ungleich günstigeren Zeit, in der wir heute leben, seine Stimme nicht verstummen zu lassen; auch dann nicht, wenn dies Nachteile bringt. Auch ich habe früher schon berufliche Anfeindungen erlebt, genauso wie Drohbriefe von Neonazis, die mir die Liquidation androhten und mich – ich zitiere das ungern – als „Judenknecht und Mutterficker“ beschimpften, was nichts über mich, allerdings sehr viel über die Absender dieser unflätigen Beschimpfungen aussagt. Bekannte und Freunde von mir erhielten Fotos mit einem Sterbekreuz über ihrem Gesicht, wurden in der Nazipresse mit Adresse und Telefonnummer als „Feind“ geoutet und so weiter.
Ein aktueller Fall ist der von Reinhard Frankl. Der Lehrer und kritische Musiker aus Aschaffenburg ist bekannt als Antifaschist und Gewerkschafter. Kürzlich erschienen bei seiner Ehefrau zwei NPD-Funktionäre und ließen ihm ausrichten, er solle sie nicht mehr als extrem rechts benennen; dabei drohten sie unterschwellig, sie wüssten ja nun, wo er wohnt. Gleichzeitig wurde bei seinen Nachbarn ein Hetzflugblatt gegen ihn verteilt.
Reinhard Frankl, der auch jüdische Verwandte hatte, die durch Nazi-Deutschland ermordet wurden, wird sich von der NPD seinen Antifaschismus selbstverständlich nicht verbieten lassen. Ganz im Gegenteil hat er gegenüber den Medien bereits über dieses niederträchtige Verhalten der NPD-Funktionäre berichtet.
Auch wir alle sind aufgefordert, uns weiterhin einzusetzen, damit über die Umtriebe der Rechten aufgeklärt wird, damit Veranstaltungen wie heute Art möglich bleiben. Sie sind weiterhin leider nötig – und sie sind zudem eine Frage des Anstands gegenüber den Opfern.