Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich

Anmerkungen zu Kunst und Psyche

Ansprache zur Ausstellung der Malerin CyBer – Titel: Spiegelungen – Vernissage am 16.10.15 im Café fArbe, Miltenberg, gekürzt um Einleitung, Danksagungen und aktuelle Hinweise

Die Kreativität hat die Künstlerin väterlicherseits vermittelt bekommen. So verwendete sie schon in frühen Jahren den Aquarellkasten des Vaters, um sich künstlerisch zu betätigen, wenngleich ihre Bilder damals eher im Briefmarkenformat waren. Dass die Kindheit nicht immer problemfrei verlaufen sein kann, zeigt nicht nur der Umstand, dass sie den väterlichen Aquarellkasten nur heimlich nutzen konnte. Die problematische Kindheit und was diese mit der Kunst von CyBer zu tun hat verrät uns mehr noch ein Gedicht der Künstlerin, das ich hier zitieren möchte. Es trägt den Titel „Gedanken“:

Ideen, Träume und Gedanken,
niemand hat sich dafür interessiert.
Freude, Kummer und auch Sorgen
haben sie gänzlich ignoriert.
Ängste und die ach so vielen Fragen
wurden einfach überhört.
Ich musste lernen und begreifen,
dass sowas die Erwachsenen stört.
Nun, nun soll ich alles sagen,
völlig ungeniert und frei.
Doch habe ich verlernt zu wissen,
was ich fühle, was mich quält.
Und so habe ich die Malerei
als meine Ausdrucksform gewählt.

In den darauf folgenden Jahren steigerte die Künstlerin nicht nur das Format, sondern entwickelte auch ihre eigene Art, mit sehr feinem Pinsel zu arbeiten, also mehr zu zeichnen als zu malen.

In einem weiteren Gedicht unter dem Titel „Ich male“, das ich nun zitieren möchte, gibt sie uns zu ihrem Verständnis von Malerei Auskünfte:

Ich male
ohne Plan und ohne Absicht.
Ich lasse es geschehen,
dass meine Seele sich auf diese Weise
Wort verschafft,
dass meine Gedanken
meinen Pinsel führen und
dass er das, was ich nicht sagen kann,
in einem Bild verpackt.

CyBer tritt bei ihrer Malerei in ein inneres Zwiegespräch, versinkt in Ruhe und großer Konzentration, die durch Musik über Kopfhörer verstärkt wird. Die Ergebnisse müssen dann passen, müssen für sie einfach „richtig“ sein; wenn nicht, dann kommen sie in den Müll. Wie viele andere Kunstschaffende auch arbeitet sie dabei meist nachts. Es gibt dafür sogar einen eigenen Begriff: Lukubration, das – meist künstlerisch-kreative oder wissenschaftliche – Arbeiten bei künstlichem Licht, also in der Nacht. Scheinbar ist es ihr vor allem in der dunklen Tageszeit möglich, in einem einzigen Durchgang eine Momentaufnahme ihrer Seelenlandschaft aquarellierend zu erstellen.

Seit Jahre arbeitet sie immer wieder an ihrem Maltagebuch, in dem sie tägliche Geschehnisse in Stiften festhält. Hier kann sie ohne großen Aufwand schnell skizzieren und später mit Aquarellfarben nacharbeiten. CyBer betont: „Ich kann über Gefühle nicht schreiben.“ Was ihr dann bleibt ist das Malen, eben ein Maltagebuch.

Inzwischen sind zu den Aquarellarbeiten auch Acrylbilder gekommen. Die satten Farben reizen sie zu Neuem und ermuntern CyBer immer wieder, großzügiger und freier zu malen, wobei sie das Zusammenspiel von Farben und Formen fasziniert. Sie kann sich hier „mehr austoben“, wie sie sagt, ist nicht so stark auf inhaltliche Aspekte geworfen, kann auch zulassen, dass ein solches Bild erst in mehreren Sitzungen fertig wird, während die Aquarelle – wie schon erwähnt – immer in einem Durchgang erstellt werden müssen.

Auch hier ist sie Autodidaktin, hat sich die Malerei also selbst beigebracht. Nur zum Erlernen der Technik der Radierung nahm sie an einem Kurs teil. Darüber hinaus machte sie künstlerische Ausflüge in weitere Techniken wie Seidenmalerei, Enkaustik oder Specksteinschnitzerei. Sie fand alle diese Verfahren als zu aufwändig und kehrte immer wieder zum Aquarellkasten und den Acryl-Farben zurück.

Gefragt, warum sie sich künstlerisch betätigt, antwortet CyBer, dass sie die Malerei nicht nur als Ausgleich benötige, sondern auch als Form der Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich, was wir bereits den oben zitierten Gedichten entnehmen konnten. In einem weiteren Text, betitelt „Der Pinsel“, schreibt sie dazu:
Der Pinsel ist das Sprachrohr meiner Seele,
er drückt das aus, was mich bewegt.
Ein Blatt Papier und Farben
sind mir Möglichkeit zum Selbstgespräch.
Auf diese Weise lerne ich mich kennen
und besser mit mir umzugehen.
Da ist kein Platz für Hass und Selbstzerstörung
sondern nur für zartes „in mich gehen“.
Zwar ist da noch die äußere Schale,
geformt von Angst und Wut.
Doch wer mich sieht, so wie ich bin,
sieht nicht mehr nur noch das Brutale
und spürt, dass mit der Zeit,
Bild für Bild,
Seele samt Persönlichkeit
eine Einheit bilden.

„Der Pinsel ist das Sprachrohr meiner Seele“, betont sie also. Daher hat sie zu den Bildern auch einen sehr intensiven Bezug und kann diese selten aus der Hand geben. Denn alle Bilder, die sie auch gerne als „meine Kinder“ bezeichnet, haben eine Geschichte, die ihr wichtig ist, wodurch sie gerade die Aquarell-Arbeiten nur selten veräußern kann.

Zwar wird kaum jemand in Miltenberg Bilder von CyBer gesehen haben, dennoch ist dies nicht ihre erste Ausstellung. Denn diese fand in Gießen im Café „Wundertüte“ statt – und im dortigen Congress-Zentrum war sie an einer Gruppenausstellung beteiligt. Nachdem dies nun viele Jahre her ist, wurde es höchste Zeit, wieder einmal Bilder von CyBer der Welt zu präsentieren.

Und wir – die Verantwortlichen der Caritas in Miltenberg – sind stolz, dass in unserem Caritas-Treffpunkt Café fArbe diese Präsentation stattfinden kann, dass wir also heute diese Ausstellung mit dem Titel „Spiegelungen“ eröffnen dürfen.

„Spiegelungen“, das mag verweisen auf das, was in den Bildern aus der Seele der Künstlerin wiedergegeben, quasi in die Welt hinein gespiegelt wird. „Spiegelungen“, das kann aber auch die Wiedergabe der vorgefundenen Realität mit ihren mannigfaltigen Verletzungen, die als zwingende Folgen des Lebens in der real existierenden Gesellschaft auftreten, bezeichnen. „Spiegelungen“ ist ein wunderbarer Begriff, der uns herausfordern sollte. Wenn wir ihn mit den heute gehörten Gedichten der Künstlerin in Verbindung bringen, dann dürfte klar sein, dass hier Malerei nicht als Zeitvertreib des gelangweilten Bildungsbürgertums oder als Bühne eitler Selbstdarstellung genutzt wird. Bei CyBer ist die Kunst ein fast schon lebensnotwendiger Ausdruck ihrer selbst. Dass sie dann jenseits aller Zuordnungen zu Stilen oder Epochen malt, das ist nur konsequent.

Die „Spiegelungen“ sind Wiedergaben der Verfasstheit der Künstlerin, stark verschlüsselt, sicher oft für sie selbst kaum deutbar, weshalb ich vor den so gerne vorgenommenen Psychologisierungen bzw. Deutungen mittels vulgärpsychologischem Wissen warnen möchte. Was wir in der Kunst von CyBer sehen ist eine feine und extrem indirekte Wiedergabe ihres Inneren. Wir sollten uns angesichts dieser sensiblen Kunst lieber etwas anderes fragen: Was sagen uns selbst die Werke? Was sagen sie über unsere eigenen Probleme und Verwerfungen, über das Belastende und kaum Aushaltbare, das uns niederdrückt? Was sagen sie über die Spiegelungen der real existierenden Gesellschaft in unserer eigenen Psyche? Wenn wir uns das fragen, dann können wir von CyBers Bildern profitieren. Dann sind sie auch für uns mehr als nur Verzierung zum Buntmachen des Alltags.

Und daher möchte ich mich bei der Künstlerin bedanken; bedanken für ihren Mut, diese sehr persönliche Ausstellung zu präsentieren und uns allen damit die Möglichkeit zur Selbstreflexion zu geben.


1 Antwort auf „Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich“


  1. 1 Jutta Winterheld 16. Februar 2016 um 17:45 Uhr

    Hallo Mapec, bin ja wirklich spät dran mit meiner Reaktion – aber ich fand deine Rede so spannend … und du hast dich ja unglaublich intensiv mit Leben und Malerei von CyBer befasst. Eine tolle Ansprache! Wann schaffst du das eigentlich alles? CyBer hat wohl keine sehr geglückte Kindheit und ein entsprechend schwieriges Leben gehabt.Umso besser, dass sie sich im Bildnerischen ausdrücken kann.
    Liebe Grüße
    Jutta

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