Zwischen Sachbeschädigung und Bereicherung der Welt, zwischen Kritik und Nonsens

Anmerkungen zur Streetart
Rede zur Vernissage im Jugendzentrum ThirTeen, Miltenberg am 27. März 2015
(gekürzt um Begrüßung und Schlußwort)

Streetart. Das klingt nach Vandalismus und Beschädigung fremden Eigentums, nach Aufstand und Zerstörung. Zumindest, wenn wir an deutschen Stammtischen oder in Boulevard-Redaktionen nachfragen. Gemeint ist dann das Sprühen an öffentlichen oder privaten Gebäuden. Außer acht bleibt dabei, dass es dieses Sprayen schon bis in die bedeutendsten Museen geschafft hat.

Tatsächlich hat Streetart ursprünglich viele Momente des Unangepassten, des Anderen, des Protestes. Schon die Tatsache, dass beim nicht-musealen, also illegalen Sprühen niemand erkannt werden will, führt dazu, dass hier die Künstlerinnen und Künstler anonym bleiben müssen. Und dies steht im radikalen Widerspruch zur sonstigen Kunstszene, wo die Erkennbarkeit der Kunstschaffenden ein wichtiges und verkaufsförderndes Merkmal ist. Ein Werk von Josef Beuys wäre ohne die Zuordnung zu ihm wohl für maximal zehn Prozent dessen verkaufbar, was es mit dem Namen Beuys erzielen kann. Und das gilt auch für Werke von z.B. Albrecht Dürer. Ganz abgesehen davon, dass wir hier den Umstand attestieren müssen, dass nicht selten ganz offenbar nicht die Qualität des Werkes, sondern der Name des Künstlers bzw. der Künstlerin preisbildend ist – ganz abgesehen davon sehen wir hier, wie sich Streetart dem Kunstmarkt ursprünglich verweigerte und schon damit dissident war – und großteils auch noch immer ist.

Eine frühe Form der Streetart zeigte die in Italien und Frankreich gleichzeitig entstandene Bewegung der Affichisten. Diese rissen in den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts Plakate von zum Teil dick übereinander beklebten Plakatwänden, um diese Plakatabrisse zu Kunstwerken zu machen. Diese illegal der Straße entnommenen und zum Teil großformatigen Stücke dokumentierten damals treffend und in einem sehr wahren Sinne des Wortes die Zerrissenheit der Nachkriegsgesellschaften.

Waren die Affichisten quasi negative Straßenkünstler – sie entnahmen der Straße etwas – so reichen die eigentlichen Anfänge der Streetart viel weiter zurück. Bereits prähistorische Höhlenmalereien, ägyptische Pyramidenausmalungen oder die Wandgemälde des Imperium Romanum sind als Vorläufer der Streetart zu sehen. Und schon im alten Rom sollen sich manche bitterböse über jene Rabauken beschwert haben, die einfach ohne Erlaubnis an die Mauern kritzelten. Und das gipfelt dann in jenem Juden, der auf Befehl eines römischen Soldaten einhundert mal „Römer geht nach Haus“ in korrektem Latein an die Wände schreiben musste. Aber diese historische Lektion verstehen jetzt nur jene, die den Film „Das Leben des Brian“ gesehen haben.

Kommen wir zurück zur modernen Streetart, die der Straße nichts entwendet wie einst die Affichisten, sondern ihr etwas zufügt. Diese Streetart – hier vor allem das Sprayen – ist sehr oft auch ein Angriff auf den Grundwert der bei uns real existierenden Gesellschaft. Denn dieser zentrale Wert ist – seien wir ehrlich – weder die Demokratie noch die Unversehrtheit der Person oder gar die freie Meinungsäußerung, sondern das Privateigentum. Und dieses Eigentum gehen die Sprayer bewusst an, verletzen das Recht der Eigentumsinhabenden. Verschweigen wir nicht, dass dies illegal ist und hohe Strafen drohen. Aber genau das nehmen die Straßenkünstlerinnen und -künstler in Kauf, sehen sich auch schon mal als Vorboten einer Gesellschaft, in der alles allen gehört und in der sich daher niemand mehr über Farbe an den Wänden aufregt.

Wie schon gesagt hat sich in der Streetart einiges gewandelt. Denn Sprayer dürfen heute auch schon mal ganz offiziell Wände besprühen. Losgelöst vom einstigen Zusammenhang mit einer feststehenden Wand werden auch Bilder gesprüht, um diese in Museen zu hängen oder im Kunsthandel zu vermarkten. Die Aufmüpfigen von einst sind in diesen Fällen vom real existierenden Wirtschaftssystem nach Hause geholt worden. Die bunte Revolte ist aufmüpfig gesprungen – und im kapitalen Alltag gelandet.

Alle Streetart-Machende? Nein. Es gibt noch immer zahlreiche Menschen, denen nicht einleuchtend ist, dass Betonwände, Schaltkästen, bleigraue Bogenlampen oder andere profane Flächen zu den schützenswerten Errungenschaft einer sonst durchgestylt Gesellschaft gehören sollen. Sie machen diese langweiligen Wände und Flächen einfach bunt. Nach wie vor mit der Spraydose, gerne aber auch mit kleinen oder großen Aufklebern und vielem mehr. Einem Teil reicht es, dass die Welt dadurch bunter wird, z.B. jenen Menschen, die mit Urban Knitting ihre Umwelt farbig bestricken. Andere teilen mit ihrer Kunst etwas mit, haben Botschaften im Gepäck.

Wie auch immer: Streetart ist Art, also Kunst. Denn einerseits gehört sie weder dem direkten Produktionsprozess an wie das Herstellen von Autoreifen, Handgranaten oder Nachttöpfen; noch ist sie eine Dienstleistung wie eine Taxifahrt, ein Pflegeeinsatz oder das Tapezieren einer Wohnung. Und: Es gibt die Macherinnen und Macher sowie eine Vielzahl von Betrachtenden, die diese Streetart auch für Kunst halten, die ihren Kunstcharakter betonen. Damit sind meiner Meinung nach die wenigen Anforderungen erfüllt, die heute gegeben sein müssen, um Kunst zu definieren. Sollte dann noch ein Mindestmaß an Qualität gegeben sein, dann ist wirklich alles erfüllt, was Kunst ausmacht.

Streetart ist in Teilbereichen noch immer unangepasst, aufmüpfig, sogar illegal. Kann sie damit die Welt verändern? Zum Schlechten – oder noch besser: zum Guten? Ich denke: nein – zumindest nicht direkt. Denn was die andere kommerzielle wie nichtkommerzielle, die etablierte wie abweichende oder oppositionelle Kunst nicht kann, das kann auch Streetart nicht. Kein Lied verändert die Welt, kein Roman, kein Gemälde. Denn das Verändern, hoffentlich das Verbessern der Welt, das machen Menschen, keine Kunstwerke. Aber diese können, wenn sie gut sind, jene Menschen aufrichten, die die Welt verändern werden, und ihnen Kraft geben. Dass viele Streetart-Schaffende etwas verändern möchten, das bringen sie oftmals durch die Inhalte ihrer Kunst zum Ausdruck. Und dass die Welt, wenn sie bestehen bleiben soll, nicht so wie sie ist bleiben darf, also verändert werden muss, das wusste schon der Dichter Erich Fried: „Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt.“

Zugegeben: Es gibt auch die kritikfreie, einfach Unsinn verbreitende und unterhaltende Streetart. Es ist so, dass diese in der Summe sogar die Mehrheit der geklebten, gesprühten, gestrickten oder gemalten Exponate ausmacht. Dennoch erscheint mir, dass innerhalb der Streetart die Kritik am real Existierenden eine weit größere Rolle spielt als in der sonstigen Kunstlandschaft.

Streetart ist die Kunst, die sich im Spannungsfeld zwischen Illegalität und öffentlicher Wahrnehmung, zwischen Sachbeschädigung und Bereicherung der Welt, zwischen Kritik und Nonsens bewegt. Streetart ist zudem die direkteste Form der Kunst. Sie benötigt kein Museum, keinen Verlag, keine Druckmaschine, keine Bühne, keine Verstärkeranlage. Sie benötigt nur die direkten Mittel der Kunsterzeugung, hier Farbe, Folien, Flächen etc. Mit dem Sprayen und Folienkleben vergleichbar sind daher die Straßenmusik und andere unangekündigte Aufführungen im öffentlichen Raum, die wir auch zur Streetart zählen dürfen, zur Straßenkunst. Wir sehen also nach all diesen Ausführungen: Streetart ist vielfältig und reicht vom Bestricken des öffentlichen Raumes – Urban Knitting – über Stickerkunst und große Folien-Aufkleber, sie reicht von Schablonenkunst – Stencil – bis hin zur Wandmalerei oder vollkommen bemalten U-Bahn-Wägen, im weiteren Sinne von unangemeldeten musikalischen Darbietungen bis zu spontanem Straßentheater oder nichtgenehmigten Installationen auf einem öffentlichen Platz. Und vieles mehr. Ich bevorzuge es, diesen Begriff weit zu fassen. Für mich bezeichnet Streetart alles, was aus eigenem Antrieb und ohne Auftrag oder Genehmigung auf und an der Straße stattfindet. Das erlaubte, erwünschte und geförderte, auch bezahlte Gegenstück wäre mit „Kunst im öffentlichen Raum“ zu umschreiben.

Ich möchte einschränkend aber anmerken, dass nicht jede Botschaft an einer Wand auch Streeart ist. Eine beleidigende Nazi-Parole, sexistische Dummheiten oder das Beschmieren des Hauses eines missliebigen Politikers rechne ich nicht zur Kunst, sondern zur pubertären Selbstdarstellung, zur alkoholgeleiteten Sachbeschädigung oder einfach zur kriminellen Schmiererei. Ein Mindestmaß an inhaltlicher wie formaler Qualität muss erwartet werden, wenn es sich um Kunst handeln soll, wenngleich das ausreichende Maß immer nur im Einzelfall festgestellt werden kann.

Bei der heutigen Ausstellung haben wir es vor allem mit der „Kleinform“ der Streetart, also mit Stickerkunst, d. h. mit Aufklebern zu tun. Diese wurden wie vorgefunden fotografiert, vergrößert und auf Untergründen zusammengestellt oder als vergrößerter Einzelaufkleber in Gemälde integriert, die damit zu Schrift-Bildern werden. Zu sehen sind auch mit dickem Filzstift erstellte Schriftzüge, bemalte Plakate – Adbusting, also kritische Veränderung von Werbung – und so weiter. Die Vielfalt der Streetart wird hier andeutungsweise klar, die ganze Bandbreite kann im Rahmen einer solchen Ausstellung aber sicherlich niemals dargestellt werden.

In einem Fall wird eine sehr vergängliche Kunst gezeigt: das Produzieren von Seifenblasen in verschiedenen Städten Deutschlands. Auch dies ist eine Form der Streetart, der Kunst auf der Straße, eine der bereits erwähnten unangekündigten Aufführungen im urbanen Raum.

Noch ein Satz zur Art der Präsentation dieser Ausstellung. Denn diese sieht nicht nach den perfekt durchgestylten Hängungen in Kunstmuseen aus. Vielmehr haben wir es hier mit so etwas wie Trash-Ästhetik zu tun, die sicherlich viel besser zum speziellen Inhalt dieser Ausstellung passt.

Zudem wurden die bereits hier vorhandenen Graffiti einbezogen, indem sie als Hintergrund der Exponate dienen oder einfach eine Erweiterung darstellen, da sie aufzeigen, wie in bestimmten Räumen – hier einem Jugendzentrum – die einstige Straßenkunst den Weg in Innenräume gefunden hat.

Um eines noch klarzustellen: Zur Vorbereitung der heute zu eröffnenden Ausstellung wurde keine Sachbeschädigung begangen, nichts wurde für diese Ausstellung eigens inszeniert. Vielmehr sind die Zeugnisse der Streetart einfach vorgefunden worden. Sie sind entstanden, weil Menschen ganz ohne Auftrag losgezogen sind und gemacht haben. Das Nähere regelt hier der gute Geschmack und im Zweifelsfall das Bürgerliche Recht. Denn Kunst landet sonst höchstens in Museen, Streetart aber auch schon mal – wie bereits erwähnt – vor Gericht. Ich muss daher nochmals auf die Problematik hinweisen, die aus Streetart entstehen kann: Es kann sich um Sachbeschädigung handeln, die die Täter vor Gericht bringt oder die Geschädigten massiv ärgern kann. Ich halte das selbst auch für problematisch, möchte auch nicht an meinen Wänden die Farben anderer Menschen sehen. Und wenn sich das Duo, das die Fotocollagen dieser Ausstellung zusammengestellt hat, den Namen „creative vandalism“ gegeben hat, dann nehmen die beiden jungen Leute provozierend-spielerisch genau auf diesen Punkt Bezug, auf das Spannungsfeld, in dem sich Streetart zwischen Kreativität und Vandalismus bewegt.

Die Ausstellung zur Streetart, die ich heute mit eröffnen darf, wird in einem Jugendzentrum für mehrere Wochen zu sehen sein. Warum ausgerechnet im Jugendzentrum? Ist Streetart ein reines Jugendkultur-Phänomen? Nun, Banksy, der wohl bekannteste Streetartist, kam vermutlich 1974 zur Welt, dürfte also bereits über 40 Jahre alt sein. Der Bananensprayer Thomas Baumgärtel ist Jahrgang 1960. Blek le Rat, der als Urvater der für die Streetart wichtigen Stencil-, also Schablonen-Kunst gilt, ist gar Jahrgang 1951. Zugegebenermaßen sind wir hier aber im Bereich der Hochkultur und der inzwischen meist bestens bezahlten Künstler angelangt. Die nicht marktgerechte, die eigentliche Streetart dürfte dagegen ein echtes Jugendphänomen sein. Ein Familienvater oder eine mittelständische Geschäftsführerin, ein Sparkassenmitarbeiter, eine Sozialarbeiterin, eine Stadträtin oder auch ein fünfzigjähriger Arbeitslosengeldempfänger werden sich kaum der Gefahr der Kriminalisierung und damit der gesellschaftlichen Ausgrenzung aussetzen, nur um Kunst in den öffentlichen Raum zu bringen.

Umgedreht wird aber kaum ein Jugendlicher den Weg in ein Museum finden. Das ist schmerzliche Erfahrung eines Menschen, der selbst äußert gerne Museen besucht und darin fast immer nur die Generation 50plus trifft. So bleiben die verschiedenen Formen der Streetart für jüngere Menschen offenbar die meist einzige Form bildender Kunst, die von diesen wahrgenommen wird. Mit dem Triptychon „Aufforderung zur Verbesserung der Welt mittels Farbe (Zu viel GRAU)“ wird hier in dieser Ausstellung zumindest versucht, den Übergang zur Kunst der Ü-Fünfziger herzustellen.


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