Sinfonia senza precedenti?

Yohazid legt mit GETSEMANI – SEELENHEIL eine vermutlich neuartige musikalische Kategorie vor

Eigentlich, so gab er bekannt, wollte er nur „alle Stücke des Getsemani-Projekts zu einem Album“ zusammenfassen. Dieses Getsemani-Projekt ist so etwas wie Yohazids (das ist Johannes Giesemann) Solo-Experimental-Unternehmung. Ein Album ist das allerdings nicht wirklich, was er mit diesem auf Youtube gestellten Beitrag nun vorlegte. Denn das hätte so etwas wie abgrenzbare Einzeltitel verlangt, die schließlich auch dem Ganzen zugrunde liegen.

Zur inhaltlichen Aussage des Titels führt Yohazid aus: „Der Projektname ist ein Hinweis auf das Aufwachsen im christlichen Kulturkreis. Getsemani ist der Ort, an dem Jesus von seinen Jüngern verraten wurde. Wir nennen uns selbst christlich, aber verraten die Ideale und Ideen Jesu jeden Tag. Oder ist Getsemani der Ort, an dem Judas Ischariot nur Gottes Plan ausgeführt hat, damit dieser in Form von Jesus Christus für unsere Sünden sterben kann? Ist Getsemani also ein Symbol für die Befreiung von Schuld?“ Verrat oder Erlösung scheint aber nicht alleine die Frage zu sein, eher thematisiert er beides, so unterschiedlich und kontrastreich ist das Werk geworden, eher kann hier die Darstellung der Wechselhaftigkeit und des Brüchigen im menschlichen Leben schlechthin assoziieren werden, also jenes in Wahrhaftigkeit laute und schrille, schmerzhafte und peinigende, exzessive und tödlich endende, im real Existierenden selten lustige oder schöne menschliche Sein.

Yohazid ist immer dann am besten, wenn er Lieder macht oder wie hier aus seiner vollen kreativen Kraft schöpfend experimentiert. Das hat stellenweise tiefe Schwere, kommt vordergründig deutsch daher, romantisch im Sinne nicht von kitschig-verspielt, sondern von pseudotiefgründig-inhaltsschwanger. Da rettet ihn allerdings, dass alle rechten Romantiker ihn dem Verdikt der entarteten Kunst aussetzen müssen, ist er an anderen Stellen doch einfach erfrischend chaotisch-uneinordenbar, bleibt das vermeintlich Deutsche also offenbar Zitat und nur Mittel der Abwechslung, fast schon musikalische Satire. Schlussendlich wird das Teutonische nie dominant, und dann endet das Werk auch noch erfreulich unsentimental ganz abrupt.

Alle Instrumente hat Yohazid auf GETSEMANI – SEELENHEIL selbst eingespielt, die Stimme ist von ihm; und die wenigen Fremdzitate hätte er sich schenken dürften, sie verbessern nichts. Er nennt die musikalische Richtung „black/doom/drone/shoegaze/noise“, es kann aber treffender schlicht von der Lust am Experimentieren gesprochen werden, wenn wir uns von musikalischem Schubladendenken frei machen. Vermutlich ist ihm mit diesem Werk, das mit gut dreieinhalb Stunden (!) eine schier wagnerianischen Länge aufweist, etwas völlig Neues gelungen, wurde also Solitäres geschaffen, so etwas wie eine bisher nicht dagewesene Sinfonie, eine Sinfonia senza precedenti, die sich collagenhaft in eigenständigen Kapiteln oder in kleinen Schritten vorwärts entwickelt. Faktisch hätte ein wiederkehrendes musikalisches Thema oder Motiv, wie wir es auch aus herkömmlichen Sinfonien kennen, GETSEMANI – SEELENHEIL eindeutig strukturieren und verdaulicher machen können. Aber vermutlich wäre das nicht gewollt gewesen.

Trotz seiner Länge bleibt hier ein erstaunlich geschlossenes Kunstwerk bestehen, das letztendlich mit Metal oder Hardcore nicht wirklich etwas zu tun hat, weshalb Yohazids Feststellung, „das Ganze (sei) natürlich krasser Stoff für Leute, die nicht mit extremem Metal sozialisiert sind“ widersprochen werden muss. Nur live aufführbar wird GETSEMANI – SEELENHEIL wohl kaum sein, was bei einem „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ (Walter Benjamin) aber auch nicht mehr zwingend ist.

Quelle für die Yohazid-Zitate:
http://giesemannfdm.blogsport.de/2014/11/05/das-getsemani-album/