Kunst, Kommerz, Kritik und Kapitalismus

Video zur Vernissage In Ruhe. In Erwartung. am 30.11.13

Text der Ansprache zur Vernissage In Ruhe. In Erwartung. am 30.11.13 (um unwesentliche Passagen gekürzt)

Wenn ich heute mit meinen Ausführungen stellenweise die reine und schöne Kunstbetrachtung verlasse, so liegt dies nicht in einer boshaften Absicht; es liegt auch nicht am Zufall; es ist vielmehr unvermeidlich.

Denn der Advent ist heute eine Zeit des Konsums, nicht der Stille und Erwartung. Allerdings ist diese Feststellung nicht sonderlich originell. Sie entspricht der bekannten Kritik am Vorweihnachtstrubel; nur: Diese Kritik, so fast schon klischeehaft sie daher kommt, ist völlig berechtigt. Advent, lat. für Ankunft, meint eine Zeit der Erwartung, gerne auch als „die stille Zeit“ bezeichnet. Gerade heute könnte der Advent – sogar unabhängig von seinem religiösen Inhalt – mit diesem Grundgedanken eine ganz besondere Bedeutung haben.

Denn wir leben in einer Zeit der zunehmenden Anpassung des Menschen an die ökonomischen Vorgaben der immer mehr rationalisierten, immer mehr beschleunigten kapitalen Maschinerie, wie wir sie in der Produktion, im Verkauf, im Bank- und Versicherungswesen, in den Verwaltungen finden – und sogar in jenen Betrieben, die die immer unwirtlicher werdenden gesellschaftlichen Verhältnisse abfedern sollen, durch Therapie und Beratung, durch Medizin und Pharmazie. Selbst dort, in den Reparaturbetrieben des real existierenden Gesellschaftssystems, nimmt der Stress, nehmen Hetze und so genannte Arbeitsverdichtung zu. Der Advent hätte hier die Aufgabe, uns an das Andere zu erinnern, an das Richtigere, an das Wesentlichere. Die mögliche Stille des Advents, die gerade heute so wichtig wäre, geht aber zugunsten von Kommerz und Hektik verloren. Der Advent wird selbst zum durchgerechneten Event, zum verkaufsfördernden Ereignis, fest eingeplant in den Jahreskreislauf von produzierendem und handelndem Gewerbe.

Diese Feststellungen sind keine reaktionäre kulturpessimistische Nörgelei über die Schlechtigkeit des Menschen. Diese Feststellungen sind Kritik; Kritik an einem totalitären Wirtschaftssystem, das alle Lebensbereiche der Produktion und dem Verkauf unterwirft, der Profiterzielung und Gewinnmaximierung. Wir wollen zumindest auf einer kleinen, auf einer zugegeben sehr kleinen Weise, diesen totalitären Zumutungen entgegentreten. Nicht, weil wir davon eine langfristig Wirkung erwarten, nicht weil wir die Illusion haben, eine Insel der Seeligen in einem Meer des Stresses bauen zu können, sondern weil wir uns das Recht nehmen, etwas weniger Falsches zu tun als dies üblich ist. Wir machen dies, weil wir wissen, dass es uns gut tut, dass es auch anderen gut tun kann.

Die bei unserer vorweihnachtlichen Ausstellung gezeigten Bilder sind daher beruhigend, zurücknehmend, angenehm, harmonisch, schön; sie sind aussagekräftig, sofern wir uns auf sie einlassen. Sie sind niemals schreiend, nicht effektheischend, enthalten keine sinnentleerten oder offen reaktionären Provokationen, wie sie der Kunstmarkt so gerne hat. Diese werden wir hier nicht bieten, weil wir sie auch gar nicht bieten wollen.

Für die Künstlerin Saskia Berberich ist dies heute die erste Ausstellung. Mit ihren 26 Jahren hat sie bereits einen eigenen Stil entwickelt, hat sehr schnell das Experimentieren mit verschiedensten Mitteln und Methoden aufgegeben, fast sofort zur Abstraktion gefunden, damit ihren sicheren Umgang mit der Malerei bestätigt. Die studierte Sozialpädagogin war mir bisher als überaus engagierte und höchst kollegiale Suchtberaterin bekannt. Angenehm überrascht war ich, als sich herausstellte, dass Saskia Berberich auch Künstlerin ist. Bei der Planung einer Ausstellung für den Advent wurde dem Galerie-Team im Franziskushaus sehr schnell klar, dass in ihren angenehm-unaufgeregten und teils höchst meditativen Gemälden genau das gefunden ist, was diese Adventsausstellung braucht.

Saskia Berberich malt in satten und gut deckenden Acrylfarben auf Leinwand, übermalt ein Werk auch schonmal, wenn es nicht ihren Vorstellungen entspricht, so lange, bis das Ergebnis passt. Dezent setzt sie andere Elemente ein, Kreppband zum Beispiel, mit dem sie breite Linien auf die Leinwand klebt, die sie dann übermalt, damit einen dreidimensionalen Effekt erzielt. Das Kreuz oder Kreuzandeutungen sind bei ihr ein wiederkehrendes Symbol, weniger im Religiösen zu verstehen, vielmehr als einfaches und daher deutliches grafisches Element, als die Horizontale mit der Vertikalen Verbindendes, als Urtyp der menschlichen Form: von Kopf bis Fuß in der Vertikalen, dazwischen als Horizontale die zu den Seiten ausgestreckten Arme. Weitere wiederkehrende Elemente sind abgegrenzte – auch gerne goldfarbige – Flächen, leichte Wellen, fein explodierende Linien oder hingeworfene Schlieren.

Auf die Frage, wie sie zur Malerei gekommen ist, meint Saskia Berberich, sie sei immer schon ein kreativer Mensch gewesen, das Schöne habe sie schon immer fasziniert, so habe sie früh bereits Steine gesammelt, die ihr interessant erschienen. Auch sei ihr die abstrakte Kunst bereits vor vielen Jahren positiv aufgefallen. Vor drei Jahren habe sie dann aus dem passiven Interesse ein aktives Tun gemacht und ihr erstes Acrylbild gemalt. Gefragt, was Kunst für sie bedeutet, betont sie, dass Kunst generell nicht unbedingt schön sein müsse. Aber ihre Kunst müsse für sie schön sein, ihr gefallen.

Darüber hinaus ist das kreative Schaffen für sie die Möglichkeit abzuschalten, sich selbst herunter zu fahren, zur Ruhe zu kommen. Spätestens bei diesen Aussagen war mir klar, dass es völlig richtig war, ihr die Adventsausstellung zu geben. Ein solcher Anspruch an das eigene künstlerische Tun passt haargenau zu unserem Verständnis von Advent.

Die Texte, die wir zwischen den Gemälden präsentieren, sind gegen die Hektik und gegen den Kommerz gerichtet. Sie sprechen sich an keiner Stelle gegen einen das Leben erleichternden Luxus aus, sind aber als Texte zu verstehen, die sich gegen jenen Konsumismus wenden, der vorzeigbare Waren in den Mittelpunkt stellt und der als Teil des Falschen niemals befriedigt werden kann, da er wie das warenproduzierende Gesellschaftssystem auf immer unersättlich bleiben muss. Denn statt wahrer Befriedigung von Bedürfnissen, statt sozialer Kontakte, statt Zuneigung und Akzeptanz, statt Respekt und Verständnis tritt hier immer die Scheinbefriedigung mit Ersatzmitteln zu Tage, mit kaufbaren Waren. Demgegenüber wollen die Texte anderes stark machen, Ruhe und Innehalten, Stille und Nachdenklichkeit.

Ich bedanke mich für Ihre, für Eure Aufmerksamkeit; ich wünsche uns noch angenehme, erkenntnisfördernde und damit höchst unterhaltsame Gespräche bei dieser Vernissage.


5 Antworten auf „Kunst, Kommerz, Kritik und Kapitalismus“


  1. 1 Dokument 12. Dezember 2013 um 16:36 Uhr

    Bote vom Untermain, 03.12.13

    Malen abseits von Hektik und Kommerz
    Kunst: Caritas-Mitarbeiterin Saskia Berberich zeigt Bilder

    Rund 40 Gäste kamen zur ersten Ausstellung »In Ruhe. In Erwartung« der Caritas-Mitarbeiterin Saskia Berberich im Miltenberger Franziskushaus. Für ihre erste Ausstellung nutzte die 26-jährige Sozialpädagogin die Gelegenheit, die Wände ihrer Arbeitsstelle mit ihren kräftigen Farbgemälden zu schmücken.
    Martin Pechtold hielt die Laudatio und erwähnte, dass die Adventszeit eine Zeit des Konsums geworden sei und nicht mehr der Ruhe und der Stille. Der Advent selbst sei zum durchgerechneten Event, zum verkaufsfördernden Ereignis in einer beschleunigten Kapitalmaschinerie geworden. Zumindest im Kleinen solle diesem Trend mit dieser Ausstellung entgegengetreten werden.
    Die abstrakten Bilder von Saskia Berberich sind beruhigend, zurücknehmend und harmonisch und haben etwas Meditatives. Sie verwendet satte Farben wie Rot, Blau oder Grün. Kontraste setzt sie mit Gold oder spielt mit Schlieren. Zwischen den Bildern hängen Texte, die gegen Hektik und Kommerz gerichtet sind. Autoren sind drei Mitglieder des Galerie-Teams.
    Thomas Schmitt begleitete die Vernissage mit einfühlsamem Klavierspiel. Die Ausstellung organisierten Jana Abb, Irmi Markert, Martina Pechtold, Hans Remsberger, Valerie Schäfer und Johannes Seeber.

    Anja Keilbach

    Besichtigung bis 7. März 2014 montags bis donnerstags 8 bis 17 Uhr, freitags 8 bis 16 Uhr

  1. 1 Anmerkungen zur Kunst bei der Ausstellung IN RUHE. IN ERWARTUNG. « Galerie-Team im FRANZiskushaus Pingback am 15. Januar 2014 um 15:43 Uhr
  2. 2 In Ruhe. In Erwartung. – Ausstellung in Miltenberg « kommunal – Geschichte, Kultur und Politik Pingback am 18. Januar 2014 um 19:49 Uhr
  3. 3 In Ruhe. In Erwartung. « kommunal – Geschichte, Kultur und Politik Pingback am 10. Mai 2014 um 12:28 Uhr
  4. 4 Rückblick « Pingback am 11. Mai 2014 um 8:25 Uhr
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