Die Tage des Tretens – auf dem Rasen und anderswo

Doping auch im Fußball, Qualifikationsspiele zur Weltmeisterschaft, Rekordsummen für Spieler-Transfers … Da bringe ich einfach mal einen älteren Beitrag zur schönsten Nebensache der Welt – oder dem, was mal schönste Nebensache war.

I
Zwei freundliche Bemerkungen vorweg

„Ich liebe nicht den Staat, ich liebe meine Frau.“
Gustav Heinemann

“Sie wissen, dass ich zu keiner Zeit ein deutscher ‘Patriot’ war, und ein Nationalist schon gleich gar nicht. ‘Vaterland’ war für mich seit jeher ein Lesebuch-Schlagwort ohne greifbaren Inhalt, und der Begriff Nation bliebe mir immer etwas Abstraktes.”
Oskar Maria Graf in einem Brief an Thomas Mann

II
Schönheit und Wahn

Fußball kann so etwas Schönes sein. Ein Fan vom Club (1. FC Nürnberg) lebt und fiebert zwischen erster und zweiter Liga, ein Kickers-Anhänger (Offenbacher Fußball-Club) kultiviert die ewige Rivalität zu Frankfurt und seiner Eintracht. Sogar der nette Aschaffenburger von nebenan kann erfreut über seine Viktoria sein, zumindest manchmal. Und sie alle wissen: „Die Legende lebt“ (Clublied des FCN); und wer absteigt, der darf auch wieder aufsteigen, denn die Hoffnungs stirbt zuletzt, der Ball ist rund und das nächste Spiel sowieso immer das schwerste.

Es könnte alles so schön sein, wenn da nicht der 1. FC Bayern München wäre und die Weltmeisterschaft. Zu ersterem geht selbstverständlich kein aufrechter Mensch mehr (die Toten Hosen und Funny van Dannen haben das längst geklärt); über letztere soll hier aber noch mal geredet werden. Denn wieder steht sie uns bevor, die Verbrüderung angesoffener deutscher Menschenmassen, das „Pabbligg Fjuing“ genannte kollektive Glotzen auf öffentlichen Plätzen. Und – nicht nur in den östlichen Eroberungsgebieten – die Übergriffe auf Nichtdeutsche, spätestens dann, wenn sich die deutsche Fußballnationalmannschaft der Männer erdreistet, nicht mehr zu gewinnen bzw. – und das ist nun wirklich unerhört – wenn andere unseren schwarz-rot-goldenen Nationalkickern den Ball wegnehmen und mehr Tore schießen als „wir“.
Dieses „wir“! Bewegungsverarmte und dickbäuchige Verwalter ihres eigenen Gehirnmangels summieren sich unter dieses „wir“ genauso wie dauergrinsende freidemokratische Politikerimitate oder kukidentbewehrte Seniorenclubs und vor allem jene völlig unerträglichen besserwisserischen Ersatzbundestrainer an allen Stammtischen, in allen Kegelclubs und hinter fast sämtlichen Schreibtischen deutscher Großraumbüros. Wer nichts weiß, der weiß jetzt wenigstens, wie die Elf von Jogi (ein erwachsener Mensch, der so genannt werden darf!) Löw siegen kann. Wer nichts hat, worauf er Stolz sein kann, nun hat er oder sie wieder etwas: die Nation, versinnbildlicht durch junge Männer, die pro Kopf und Monat mehr an Gage und Werbeeinnahmen erhalten als ein Durchschnittsarbeiter im ganzen Jahr, ach was, in vielen Jahren. Sozialneid? Nein, nur ein Empfinden für Gerechtigkeit, das „iduL“ („in diesem unserem Lande“, Kohl) scheinbar schon völlig abhanden gekommen ist.
Und diese gut bezahlten Ballartisten tun in diesem Spektakel, das wir in Abwesenheit römischer Tradition „Spiele statt Brot“ nennen dürfen, was sie sollen: treten. Treten wird aber auch jenes vermeintliche Bedienungspersonal an den Schalthebeln der Macht, jene sich selbst als „politische Klasse“ verstehenden Funktionseliten, die aber keinen Ball treten, sondern auf den Existenzbedingungen der Bevölkerung herum. Im Schatten der Weltmeisterschaft wurde schon vor vier Jahren die unsozialste Steuer, die wir haben, die Mehrwertsteuer (die finanziell schlechter gestellte Haushalte überproportional trifft) erhöht. Zu was die Funktionselite heuer fähig ist – wir werden es erleben. Widerstand ist in Deutschland eh kaum zu erwarten, während der bierseligen Vollsuffwochen der WM erst recht nicht. Denn dann funktionieren nicht einmal die wenigen noch vorzeigbaren Protestnester, die es in einigen Redaktionen, Sozialverbänden oder Gewerkschaften gibt.
Was aber den nationalistisch hochgekochten Volkszorn betrifft, der sich schon an einer falschen Schiedsrichterentscheidung bis zum Herzinfarkt aufbauen kann, so haben wir 1990 die Folgen schon massiv erlebt: Mit dem seelenmassierenden und national berauschenden Weltmeistertitel im Hintergrund entstand in den Jahren nach der WM eine bisher nicht mehr erreichte Abfolge von deutschdummen und hochaggressiven Anschlägen auf alles, was als nichtdeutsch definiert wurde: Hoyerswerda 1991, Mannheim-Schönau 1992, Rostock-Lichtenhagen 1992, Mölln 1992 – und so weiter. Und der Pöbel applaudierte dazu – teils noch bekleidet mit den WM-T-Shirts von 1990.
Gut, die dümmsten Fans aller Vereine können auch ohne Weltmeisterschaft faschistischen Dreck propagieren; aber bei einer WM wird der Nationalismus zum Allgemeingut. Und heuer sind nicht – wie vor vier Jahren – hunderttausende von Anhängern anderer Nationalmannschaften in Deutschland, die den schlimmsten Fußballnationalisten wenigstens durch ihre Präsenz etwas entgegensetzen und damit 2006 sicherlich schlimmeres verhindert haben.
Und der Fußball, was ist mit dem Ballspiel bei der kommenden WM? Ich wünsche allen Fans vom Club, von den Kickers oder all den anderen netten Vereinen schöne Spiele, auch bei der WM. Das werden allerdings nicht unbedingt die mit deutscher Beteiligung sein, denn die Besten aus der Bundesliga spielen sowieso in anderen Nationaltrikots. Schließen wir uns also in fußballerischen Widerstandsnestern zusammen, sehen wir uns die Spiele ohne Nationalbesoffenheit an, meiden wir öffentliche Zusammenrottungen; sie könnten sich auch als gefährlich für unsere körperliche Unversehrtheit erweisen, wenn wir nicht bei jeder Schiedsrichterentscheidung parteiisch für die Bundeself grölen.

III
Anhang

Das Lied, das dem FC Bayern München moralisch den Rest gab:

Rostock 1992:

WM 2006:
Ein Bespiel
Eine Analyse

Mai 2010

***

Editorische Anmerkung: Dieser Beitrage erschien zuerst auf meinem alten Blog, der nicht mehr betrieben wird. Vom 01.12.10 bis 06.09.13 befand er sich auf disk.blogsport.de, wurde dann hierher übernommen.
Ein Kommentar, der zum Originalbeitrag abgegeben wurde:

Jürgen 14. Juni 2010 um 16:50 Uhr
Grübel, grübel …
Ich könnte jetzt in das übliche Soziologengeschwurbel verfallen und etwas von auseinanderfallenden nationalen Identitäten im globalisierten Kapitalismus schreiben, das erspare ich mir aber. Nur soviel: In der unterfränkischen Provinz scheint das bräsige, nationalbornierte Deutschland anscheinend noch zu funktionieren. Wer sehen will, wie es auch anders gehen kann, dem sei ein Besuch beim Rudelgucken in Berlin-Kreuzberg oder ähnlichen, Gruppen-Identität stiftenden Orten empfohlen. Zum Beispiel des schwul-lesbischen Stadtfestes gestern in Berlin, auf dem der dreijährige Sohn meiner Nachbarin, gekleidet im feinsten Deutschland-Trikot (incl. Stutzen, versteht sich) und eine Regenbohnenfahne schwenkend, eines der begehrtesten Foto-Motive ausländischer Besucher(und -innen) war.
Und noch etwas: Der Zusammenhang zwischen dem WM-Titel Deutschlands 1990 und den rassistischen Ausschreitungen ist mir – gelinde gesagt – reichlich gewagt.
Jürgen


1 Antwort auf „Die Tage des Tretens – auf dem Rasen und anderswo“


  1. 1 Zur bevorstehenden Fußball-Weltmeisterschaft der Männer « kommunal – Geschichte, Kultur und Politik Pingback am 07. Juni 2014 um 14:27 Uhr
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